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Alternative Landwirtschaft:"Wir müssen uns weiterentwickeln"

Rodung für die Rinderzucht? Das ginge auch anders, sagt ein brasilianischer Viehzüchter.

Auf den ersten Blick entspricht Mauro Lúcio Costa exakt dem Klischee eines südamerikanischen Rinderbarons: Jeans und Karohemd, Cowboyhut und Cowboystiefel. Der Brasilianer ist in dritter Generation Pecuarista und Fazendeiro, Viehzüchter und Großgrundbesitzer also. Sein Land liegt in Pará, einem Bundesstaat in Norden von Brasilien, durch den von West nach Ost der Amazonas fließt - und in dem es, wie auch in anderen Provinzen Brasiliens, Paraguays und Boliviens, seit Wochen zu Waldbränden kommt.

Ein Grund dafür ist das trockene Klima, gelegt aber werden die Feuer vor allem von Menschen, viele von ihnen Viehzüchter, so wie auch Lúcio einer ist. Sie nutzen die Brände, um Land zu gewinnen und die Erde fruchtbarer zu machen. Erst werden die Bäume gefällt und das Holz verkauft, was danach noch übrig ist, wird abgefackelt. Die Asche ist ein wichtiger Dünger, die Böden des Amazonas sind trotz der üppigen Vegetation schwierig zu bewirtschaften. Nährstoffe werden schnell ausgewaschen, nach ein paar Jahren ziehen die Bauern darum meist weiter, und alles geht wieder von vorne los. Dazu kommt, dass die Böden längst auch zur Spekulation mit Land benutzt werden. Ein einträgliches Geschäft, auch wenn es eigentlich so nicht legal ist, aber die Brandstifter haben wenig zu befürchten unter Präsident Jair Bolsonaro.

Die Viehzucht trifft keine Schuld, die Menschen sind die Übeltäter

Dabei ginge es auch anders, sagt zumindest Mauro Lúcio Costa. Großgrundbesitzer und Umweltschützer könnten gemeinsam an einem Strang ziehen. "Die Viehzucht wird gerade als der Teufel hingestellt", sagte er der Zeitung Folha de S.Paulo, "dabei trifft sie keine Schuld. Die Menschen sind die Übeltäter."

Aufgewachsen ist der 54-Jährige im Bundesstaat Minas Gerais, schon als Kind hütete er die Rinder seiner Familie. Jahre später zog er nach Pará und sah dort, wie sich die Weiden immer weiter in den Regenwald fraßen. Lúcio fragte sich, ob man die Erträge der Böden nicht verbessern könnte, sie länger fruchtbar machen kann. Er experimentierte mit Dünger und Brachen - mit Erfolg. Seine Einkünfte stiegen, das Land blieb länger fruchtbar. Sein Wissen gab Costa an Kollegen weiter. Er wurde zum Leiter der lokalen Viehzüchter-Vereinigung gewählt und arbeitet heute zusammen mit Naturschutzorganisationen und Universitäten an Pecuária Verde, einem Projekt, das Viehzucht umweltverträglicher machen will.

Er wolle seinen Kindern nicht nur einfach materielle Besitztümer hinterlassen, sondern auch eine heile Welt, sagt Lúcio. "Mein Großvater hat den atlantischen Regenwald abgeholzt, mein Vater den Amazonas", erklärte er der Zeitung Folha de S.Paulo. "Ich bin stolz auf sie, so hat man das früher eben gemacht. Aber die Zeiten haben sich geändert. Wir müssen uns weiterentwickeln."

© SZ vom 23.08.2019
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