bedeckt München 16°

Richard von Weizsäcker zum Kriegsende 1945:Die Wut des CSU-Chefs und der "Stahlhelmfraktion"

Wie wenig selbstverständlich die Worte Weizsäckers waren, zeigt die Reaktion in einigen Teilen seiner Partei und aus der CSU. Franz Josef Strauß, damals Ministerpräsident von Bayern und oberster Christsozialer, schimpfte auf die "ewige Vergangenheitsbewältigung als gesellschaftliche Dauerbüßeraufgabe".

Die deutsche Politik hätte zwar Fehler bis in den Bereich des Verbrecherischen hinein begangen. Doch die Deutschen dürften sich nicht immer als Prügelknaben der Welt betrachten. Ähnlich äußerte sich etwa Lorenz Niegel, ein CSU-Bundestagsabgeordneter, der Weizsäckers Rede gleich ganz fern geblieben war.

Die Vertriebenenverbände und ihre politischen Vertreter wie die Bundestagsabgeordneten Herbert Hupka und Herbert Czaja (beide CDU) kritisierten eine mutmaßliche Anerkennung der Grenzen im Osten. Die Schlesier wollten ihr Jahrestreffen sogar unter das Motto stellen "Schlesien bleibt unser".

Der CDU-Abgeordnete Wilfried Böhm sorgte dafür, dass Platten mit allen drei Strophen des Deutschlandliedes an Schulen verteilt wurden. Und Alfred Dregger, ehemaliger Wehrmachtshauptmann und Kopf der nationalkonservativen sogenannten "Stahlhelmfraktion" in der CDU, beharrte darauf, dass es nicht richtig sei, die toten deutschen Soldaten den anderen Opfern als Täter gegenüberzustellen.

Auch Kohl hatte von der "Befreiung" gesprochen

Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) wiederum hatte erst wenige Tage vor der Rede des Bundespräsidenten einen Skandal ausgelöst, weil er mit dem US-Präsidenten Ronald Reagan ausgerechnet in Bitburg eine große Versöhnungsgeste inszeniert hatte - ähnlich wie zuvor mit dem französischen Präsidenten Mitterand in Verdun.

Auf dem Friedhof, den Kohl und Reagan in Bitburg besuchten, befanden sich nicht nur die Gräber von US-Soldaten, die im Kampf mit der Wehrmacht gefallen waren, sondern auch Angehörige der Waffen-SS.

Weizsäcker gelang es mit seiner Rede, dieses Fiasko, dem sich die deutschen und amerikanischen Medien ausführlich widmeten, auszubügeln. Und zugleich überstrahlten Weizsäckers Worte Kohls sehr ähnliche Rede vom 21. April, die der Kanzler in Bergen-Belsen zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers gehalten hatte.

Dort hatte der Bundeskanzler bereits gesagt: "Der Zusammenbruch der NS-Diktatur am 8. Mai 1945 wurde für die Deutschen ein Tag der Befreiung. (Schon Bundespräsident Theodor Heuß hatte 1949 übrigens von einem Tag der bitteren Niederlage und zugleich einem Tag der Befreiung gesprochen, wie Weizsäcker selbst einräumte. Und in der DDR wurde der 8. Mai schon lange als Tag der Befreiung des deutschen Volkes durch die Rote Armee gefeiert.)

Der Unterschied, der zwischen Weizsäcker, dem Kriegsteilnehmer, und Kohl, der sich auf die "Gnade der späten Geburt" berufen konnte, lag wohl vor allem darin: Der Kanzler neigte stärker dazu, den 8. Mai als eine "Stunde Null" zu betrachten, von der ausgehend ein neues Deutschland entstanden sei, dass sich mit den ehemaligen Gegnern versöhnen sollte.

Bei Weizsäcker gab es diese "Stunde Null" nicht, sondern nur eine Chance auf einen Neubeginn, der genutzt worden sei "so gut wir konnten". Ihm ging es noch stärker als Kohl darum, zu verstehen, wie es zur Nazi-Herrschaft kommen konnte, um es nie wieder soweit kommen zu lassen.

Nichts von dem, was Weizsäcker am 8. Mai 1985 sagte, war komplett neu, alles war zuvor bereits gesagt worden. Sein Verdienst war und bleibt es, es auf die richtige Weise zusammenzufassen, versöhnlich nach außen und nach innen und ohne Pathos vorzutragen - und den Augenblick zu nutzen, der sich ihm in seiner Funktion als Bundespräsident bot.

Richard von Weizsäcker hat den Deutschen gezeigt, dass der 8. Mai kein Tag der Bitterkeit sein sollte. Er hat den Deutschen mit einer Rede vom Gefühl der Niederlage befreit.

© SZ.de/odg/mati

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite