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Alexej Nawalny:Viel Gymnastik, viel Kommunikation

Charité entlässt Kremlkritiker Nawalny

Erschöpft, aber entschlossen: Nawalny will zurück nach Russland.

(Foto: Navalny/Instagram/dpa)

Der Kremlkritiker will nach seiner Entlassung aus der Berliner Charité zunächst vor allem gesund werden - und sich oft zu Wort melden. Noch ist offen, welche Konsequenzen Deutschland und die Europäische Union aus der Vergiftung des russischen Oppositionspolitikers ziehen.

Von Daniel Brössler, Berlin

Alexej Nawalny sitzt alleine auf einer grünen Parkbank und schaut etwas müde in die Kamera. Neben ihm liegt eine blaue Baseballkappe mit dem Emblem der Berliner Charité. Mit diesem Bild, veröffentlicht auf Facebook, hat sich der russische Oppositionspolitiker am Mittwoch gewissermaßen offiziell zurückgemeldet bei seinen Anhängern. In mehreren Nachrichten hatte er sich schon zuvor an seine Unterstützer gewandt, aus seinem Berliner Krankenzimmer, wo er nach der Vergiftung mit einem chemischen Kampfstoff der Nowitschok-Gruppe zurück ins Leben geholt worden war. Nun aber kündigt er an, sich wieder regelmäßig zu Wort zu melden, jedenfalls über die sozialen Netzwerke. Dort werde er "mehr Zeit" verbringen, schreibt der 44-Jährige.

Wenige Stunden zuvor hatte die Charité mitgeteilt, Nawalny sei am Dienstag aus der stationären Behandlung entlassen worden. Sein Gesundheitszustand habe sich "so weit gebessert, dass die akutmedizinische Behandlung beendet werden konnte".

Insgesamt 32 Tage war er in dem Universitätskrankenhaus behandelt worden, davon 24 Tage auf der Intensivstation. Die behandelnden Ärzte würden "auf Grund des bisherigen Verlaufs und des aktuellen Zustandes des Patienten eine vollständige Genesung für möglich" halten, teilte die Charité mit. Eventuelle Langzeitfolgen der schweren Vergiftung könnten aber erst im weiteren Verlauf beurteilt werden.

"Der Tag ist gekommen - hurra", schreibt Nawalny selbst. Er dankt dem Ärzteteam und kündigt an, sich nun erst einmal vor allem der Krankengymnastik zu widmen. Er müsse nun einfache Dinge wieder lernen, wie etwa auf einem Bein zu stehen. Ob und wie lange er in Berlin bleiben will, lässt der Kremlkritiker offen. Er werde sich nun erst einmal einer Reha unterziehen, kündigt er an. Schon zuvor hatte Nawalny klargestellt, dass er nicht im Exil zu bleiben gedenkt, sondern nach Russland zurückkehren will.

"Sehr erleichtert" äußert sich Regierungssprecher Steffen Seibert. Es sei "sehr ermutigend", dass Nawalny das Krankenhaus habe verlassen können. Was indes die durch die Vergiftung Nawalnys ausgelöste schwere Krise in den deutsch-russischen Beziehungen angeht, kann er keine Besserung vermelden. Dieses Verbrechen sei in Russland begangen worden, deshalb sei "unser dringender Appell seit geraumer Zeit", dass Russland sich dazu erkläre. Die russische Regierung hat bislang vor allem mit Vorwürfen reagiert, sie hält Deutschland vor, zwei Rechtshilfeersuchen zu langsam zu bearbeiten und Moskau Beweismittel und Informationen vorzuenthalten. Über die Ursache des Zusammenbruchs des Oppositionspolitikers auf einem russischen Inlandsflug sind von Seiten Russlands mittlerweile zahlreiche, sich zum Teil widersprechende Versionen in Umlauf gebracht worden. So hieß es zunächst, bei der Behandlung des ins Koma gefallenen Nawalny in Omsk habe keine Vergiftung festgestellt werden können. Die Ärzte dort sprachen von einer Stoffwechselerkrankung. Zur Empörung der Bundesregierung wurde auch die Vermutung verbreitet, Nawalny sei auf dem Weg nach oder in Deutschland vergiftet worden.

Dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron soll Kremlchef Wladimir Putin laut Tageszeitung Le Monde nun eine andere Version präsentiert haben. Am Telefon habe Putin gesagt, Nawalny könnte das Gift selbst eingenommen haben. Nawalny kommentiert das sarkastisch: "Gute Theorie. Ich denke, sie verdient die sorgfältigste Untersuchung. Habe Nowitschok in der Küche gekocht. Nahm im Flugzeug einen Schluck aus der Flasche. Fiel ins Koma."

Offen ist noch immer, wie Deutschland und die Europäische Union auf die Vergiftung Nawalnys reagieren und welche Sanktionen womöglich verhängt werden. Man sei dazu "weiterhin im Kontakt und im Gespräch mit unseren Partnern in der EU, um zu beurteilen, wie Russlands Einlassungen zu werten und wie darauf zu reagieren ist", ist von Seibert dazu nur zu erfahren. Nicht mehr erwogen wird offenbar ein Baustopp der deutsch-russischen Gas-Pipeline Nord Stream 2. Es handele sich um ein "privatwirtschaftliches Energieprojekt, an dem sehr viele Unternehmen beteiligt sind", sagte Vize-Kanzler und Finanzminister Olaf Scholz (SPD) der Augsburger Allgemeinen - und nicht um ein "staatliches deutsches Projekt".

© SZ vom 24.09.2020

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