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Repression:Spiel mir das Lied vom Tod

Nawalny im Russischen Strafvollzug

"Mord, der vor unseren Augen stattfindet": Alexej Nawalny - hier im Frühjahr vor Gericht in Moskau - benötigt offenbar dringend medizinische Hilfe.

(Foto: Babuskinsky District Court/AP/dpa)

Menschenrechtler und Freunde befürchten, dass der vom Giftanschlag gezeichnete Alexej Nawalny das Straflager nicht lange überleben wird.

Von Silke Bigalke

Es waren seine Anwälte, die das Schweigen gebrochen haben. Alexej Nawalny selbst wollte lange nicht über seine Beschwerden sprechen. Dem Oppositionellen geht es miserabel. Er leidet offenbar an zwei Bandscheibenvorfällen, die könnten das Taubheitsgefühl in seinen Beinen erklären. Nach eigenen Worten kann er vor Schmerzen manchmal nicht aufstehen.

Jetzt hustet er auch noch, hatte Anfang der Woche 39 Grad Fieber. Genug, um ihn auf die Krankenstation der Strafkolonie IK-2 in Pokrow zu verlegen, östlich von Moskau. Nawalny muss noch zweieinhalb Jahre absitzen, nachdem er angeblich seine Bewährungsauflagen verletzt hat - während er sich in Deutschland von einem lebensgefährlichen Giftanschlag erholte. Und obwohl der Prozess, in dem er ursprünglich zu der Bewährungsstrafe verurteilt wurde, als politisch motiviert gilt. Kann er da eine faire Behandlung erwarten?

Auf der Krankenstation gebe es Pfleger, aber keinen Arzt, berichten die Anwälte. Das Fieber ist zwar gesunken. Einen Arzt seiner Wahl durfte Nawalny aber immer noch nicht sehen, obwohl jeder Häftling ein Anrecht darauf hat. Der Oppositionelle ist deswegen vor knapp anderthalb Wochen in Hungerstreik getreten.

Er witzelt darüber, dass ihm Bonbons in die Hosentasche gesteckt würden

Er wurde in einen Kernspintomografen gesteckt, so berichten die Anwälte, aber eine schriftliche Diagnose hat er bisher nicht erhalten. Der Neurologe, den ihm die Behörden schickten, verschrieb Medikamente. Die will Nawalny aber nicht nehmen, aus Sorge, es noch schlimmer zu machen. Warum lässt die Gefängnisbehörde keinen Facharzt zu ihm, dem er vertraut? "Weil sie höchstwahrscheinlich befürchten, dass ihre widerliche Behandlung seinen Zustand verschlechtert hat und das bekannt wird", sagte Nawalnys Anwältin Olga Michajlowa am Mittwoch dem TV-Sender Doschd. Nawalny sei erschöpft, auch vom Hungerstreik, verliere aber nicht den Mut.

Am nächsten Tag meldet sich dann Nawalny selbst über seinen Instagram-Account. Seine meist zynischen Nachrichten veröffentlichen dort seine Anwälte für ihn, er selbst hat keinen Zugang zum Internet. Er witzelt darüber, dass ihm Bonbons in die Hosentasche gesteckt würden, um seinen Hungerstreik zu desavouieren. In die Küche gehe er nur noch mit Zeugen. Damit niemand behaupten könne, dass er heimlich Kekse esse.

Verständlich, dass er in seiner Situation nicht schwach wirken möchte. Gleichzeitig wird deutlich, dass er Hilfe braucht. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte fordert seine Freilassung, genauso wie die Bundesregierung, genauso wie mehr als 400 000 Russen, die eine Online-Umfrage unterschrieben haben.

Mehr als 1500 Ärzte fordern in einem offenen Brief, dass Nawalny einen Arzt seiner Wahl sehen darf. Anastasija Wassiljewa von der Gewerkschaft "Allianz der Ärzte" hat am Dienstag versucht, in die Strafkolonie zu gelangen, ist aber an den Wachen gescheitert. "Was tun mit Leuten, die einem den Weg zu einem sterbenden Menschen versperren?", fragte sie danach.

Die Liste derer, die sich Sorgen um Nawalny machen, ist lang. In kleinen Online-Videos fordern russische Prominente Nawalnys Freilassung. "Das ist Mord", sagt etwa der bekannte Journalist und Satiriker Wiktor Schenderowitsch. "Mord, der vor unseren Augen stattfindet. Und die Menschen, die diesen Mord vollbringen, haben Namen und Posten." Agnès Callamard, Generalsekretärin von Amnesty International, erklärte über Twitter, es bestehe die Möglichkeit, dass Russland Nawalny "einem langsamen Tod aussetzt".

Nawalny hat Gründe, den geschickten Ärzten nicht zu vertrauen

Es wäre nicht der erste politische Gefangene, der nicht lebend aus einem russischen Straflager kommt. Im August wäre Nawalny beinahe nicht lebend aus einem russischen Krankenhaus gekommen. Das Flugzeug, in dem Nawalny im August zusammenbrach, war in Omsk notgelandet. Der erste Verdacht der Ärzte dort war zwar eine Vergiftung. Doch dann wollten sie plötzlich keine giftige Substanz festgestellt haben. Als seine Familie Nawalny zur Behandlung ausfliegen wollte, gaben die Ärzte ihn lange nicht frei. Alles Gründe für Nawalny, den Medizinern, die ihm die Behörden schicken, nicht zu vertrauen.

Er hat sich in Deutschland von dem Anschlag erholt, dort gab seine Frau Julia Nawalnaja dem Youtube-Blogger Jurij Dud eines ihrer seltenen Interviews. Sie könne verstehen, dass ihr Mann so schnell wie möglich zurück nach Russland wolle, sagte sie. Sie habe ihn aber gebeten, sich vorher vollständig zu erholen. "Vielleicht können wir dich kein zweites Mal retten", habe sie ihm gesagt. Ist Nawalny womöglich zu früh zurückgekehrt?

Die Gefängnisleitung, die ihrem Mann den Arzt verweigert, hat sich inzwischen bei Julia Nawalnaja gemeldet. Sie will seinen Pass, ohne den könne dieser weder auf Bewährung freigelassen noch ins Krankenhaus gebracht werden. Bewährung ist sehr unwahrscheinlich. Nawalnys Frau wundert sich in ihrer Instagram-Nachricht außerdem, dass man ohne Ausweis ins Gefängnis, aber nicht wieder rauskommen kann. "Und vergessen Sie nicht", schreibt Julia Nawalnaja, an den Leiter der Strafkolonie gerichtet: "Wenn Alexej etwas Schreckliches passiert, dann wird sein Tod auf Putins und auf Ihrem Gewissen liegen." Der Präsident werde dann sicher ihn zum Sündenbock machen.

© SZ/rpr
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