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Russland:Ärzte bangen um das Leben von Alexej Nawalny

Alexej Navalny, während eines Gerichtsverfahrens in Moskau.

(Foto: Alexander Zemlianichenko/AP)

Experten warnen, dass sich die Gesundheit von Alexej Nawalny rapide verschlechtert, er "kann jeden Moment sterben", heißt es aus dem Kreis seiner Vertrauensärzte. Doch der Kreml erhöht nur den Druck auf seine Unterstützer.

Von Silke Bigalke, Moskau

Im Team von Alexej Nawalny wächst die Sorge um das Leben des Oppositionellen. Vier Mediziner, darunter seine Vertrauensärztin Anastasia Wassiljewa, forderten in einem Brief an die Leitung der Strafkolonie, den inhaftierten Nawalny sofort sehen zu dürfen. Dessen Blutwerte zeigten ein besorgniserregend hohes Kaliumlevel, was zu Herzrhythmusstörungen führen könnte, erklärten die Ärzte. "Unser Patient kann jeden Moment sterben", schrieb der Kardiologie Jaroslaw Aschichmin, einer der Unterzeichner, auf Facebook.

Alexej Nawalny ist vor 18 Tagen in Hungerstreik getreten. Seit Wochen klagt der 44-Jährige über ein Taubheitsgefühl in Beinen und Armen, leidet offenbar unter mehreren Bandscheibenvorfällen. Die Gefängnisleitung verlegte den Häftling zwischenzeitlich mit Fieber und Husten auf die Krankenstation, inzwischen ist Nawalny zurück in der Gemeinschaftszelle. Vergangene Woche drohte ihm eine Aufseherin dort laut Nawalny mit Zwangsernährung.

Der Kreml-Kritiker, dessen Anwälte regelmäßig Nachrichten für ihn auf Instagram veröffentlichen, möchte einen zivilen Arzt seines Vertrauens sehen. Die Gefängnisleitung aber fürchte, schreibt Nawalny, dass der Gefühlsverlust in seinen Gliedern mit der alten Vergiftung zusammenhängen könnte - und dies dann herauskäme. Der Oppositionelle war im vergangenen August mit dem tödlichen Nervenkampfstoff Nowitschok vergiftet worden.

Erst vor einigen Tagen durfte ihn seine Frau Julia zum ersten Mal in der Strafkolonie besuchen und durch eine Glasscheibe mit ihm reden. Ihr Mann sei weiterhin fröhlich, schrieb Julia Nawalnaja auf Instagram. "Es fällt ihm aber schwer zu sprechen." Er habe immer wieder unterbrechen und den Kopf auf den Tisch legen müssen, um sich auszuruhen. "Nach dem Treffen mit Alexej sorge ich mich noch stärker um ihn als zuvor."

Prominente aus aller Welt fordern eine sofortige Behandlung

Nawalnys Sprecherin Kira Jarmisch, die dabei war, als er damals im Flugzeug vergiftet zusammenbrach, schrieb auf Facebook: "Alexej stirbt. In seinem Zustand ist das eine Frage von Tagen." Am Sonntag reagierte auch das Weiße Haus in Washington auf die Warnzeichen. Man habe die russische Regierung darüber informiert, "dass es Konsequenzen geben wird, falls Nawalny stirbt", sagte der Nationale Sicherheitsberater Jake Sullivan dem Sender CNN.

Am Freitag hatten bereits knapp 80 Prominente in einem offenen Brief gefordert, dass Nawalny medizinisch behandelt werden müsse - darunter der Schauspieler Jude Law, Autorin J.K. Rowling, Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller und Musiker Thom Yorke. Nawalnys Team hat für kommenden Mittwoch Proteste angekündigt, am selben Tag möchte Präsident Wladimir Putin seine jährliche Rede an die Nation halten.

Bis Sonntag hatten sich online knapp 460 000 Menschen bereit erklärt, erneut für Nawalny auf die Straße zu gehen. Dessen Team wollte vor dem nächsten Protest eigentlich eine halbe Million Unterschriften einsammeln. Man könne jetzt aber nicht länger warten, hieß es in dem Aufruf.

Seit Wochen wächst der Druck auf alle Unterstützer des Kreml-Kritikers. Die Moskauer Staatsanwaltschaft möchte dessen Antikorruptionsfonds (FBK) und sein regionales Netzwerk nun als "extremistisch" einstufen. Damit drohen allen Mitarbeitern je nach Position Strafen von bis zu zehn Jahren Haft. Selbst Geldspenden oder freiwillige Mitarbeit würden strafbar. Nawalnys Stabschef Leonid Wolkow und Iwan Schdanow, Leiter des Antikorruptionsfonds, betonen, dass ihre Organisationen stets "vollkommen friedlich und legal" agierten. Sie als extremistisch einzustufen, bereite den Weg für Hunderte Strafverfahren.

Die regionalen Büros von Nawalnys Unterstützern sind viele Male durchsucht, Mitarbeiter immer wieder verhaftet worden. Allein in der vergangenen Woche gab es Festnahmen, Gerichtsurteile, Razzien und körperliche Angriffe auf Nawalny-Mitarbeiter in Moskau, Sankt Petersburg, in Machatschkala in Dagestan, Krasnodar, Woronesch, Murmansk und anderen Orten.

© SZ
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