bedeckt München

Russland:Angriff aus der blauen Unterhose

MOSCOW, RUSSIA   SEPTEMBER 29, 2019: Opposition activist Alexei Navalny addresses a rally in support of political priso

Alexej Nawalny bei einem Auftritt im September 2019.

(Foto: Sergei Bobylev/imago images/ITAR-TASS)

Mit einem fingierten Anruf bei seinem mutmaßlichen Attentäter blamiert Kreml-Kritiker Nawalny die russischen Sicherheitsdienste. Moskau sieht Verschwörer aus dem Westen am Werk.

Von Daniel Brössler, Paul-Anton Krüger und Frank Nienhuysen

Wladimir Putin verlässt derzeit nicht oft seine schön in einem Waldgebiet bei Moskau gelegene Residenz Nowo-Ogarjowo. Am Sonntag aber fuhr Russlands Präsident ins Hauptquartier des Auslandsgeheimdienstes SWR und legte an einem Denkmal zu Ehren der russischen Aufklärer Blumen nieder. Am 20. Dezember begeht Russland den Feiertag der Nachrichtendienste, genau 100 Jahre ist es her, dass Geheimdienstgründer Felix Dserschinskij die Auslandsabteilung schuf.

Putin gratulierte den Mitarbeitern und sagte, "der Schutz des Heimatlandes von äußeren und inneren Bedrohungen sowie der Schutz der Souveränität und der nationalen Interessen" sei für sie "die wichtigste Tätigkeit in ihrem ganzen Leben". Er würdigte auch ausdrücklich die Arbeit des Inlandsgeheimdienstes FSB.

Der Geheimdienstmajor lässt sich am Telefon beeindrucken vom forschen Ton Nawalnys

Einen Tag später meldete sich Alexej Nawalny zu Wort. Nach Ansicht des russischen Oppositionspolitikers Leonid Gosman hätte man sich "kein besseres Geschenk vorstellen können als jenes, das Nawalny gemacht hat", so schrieb er es auf seiner Facebook-Seite. Er habe die "Enkel Dserschinskijs nicht nur als Verbrecher, sondern auch als Idioten" vorgeführt, erklärte Gosman.

Am Montag hatte Russlands führender Oppositionspolitiker den 49 Minuten langen Mitschnitt eines Telefonats mit einem FSB-Mitarbeiter veröffentlicht. Der Mann, Konstantin Kudrjawzew, war nach eigenen Worten an einer Operation beteiligt, mit welcher der FSB Beweise für die Vergiftung Nawalnys mit einem Nervenkampfstoff der Nowitschok-Gruppe vernichten wollte.

Nawalny hatte sich morgens um 6.30 Uhr am 14. Dezember bei ihm gemeldet - die Nummer für den Anruf aus Deutschland war manipuliert, ließ Kudrjawzew glauben, er werde von der FSB-Zentrale aus angerufen. "Konstantin Borisowitsch?", fragt Nawalny, um sich dann unter fiktiver Identität vorzustellen: "Hier ist Maxim Sergejewitsch Ustinow, Mitarbeiter von Nikolai Platonowitsch Patruschew. Ich habe Ihre Nummer von Wladimir Michailowitsch Bogdanow erhalten. Ich entschuldige mich für die frühe Stunde, aber ich brauche dringend zehn Minuten Ihrer Zeit."

Die Mediziner waren wohl zu schnell, sinniert FSB-Mann

Patruschew war früher FSB-Chef und ist heute Sekretär des vom Präsidenten geleiteten Sicherheitsrates, dem der erfundene Ustinow vorgeblich bis zum Nachmittag einen Bericht liefern sollte über die "völlig fehlgeschlagene" Operation gegen Nawalny. Bogdanow ist Generalmajor des FSB und laut einem Regierungsdekret von 2019 stellvertretender Leiter des Wissenschaftlich-Technischen Dienstes und Chef des Zentrums für Spezialtechnik des FSB in Russland.

Offenbar beeindruckt von den großen Namen und Nawalnys bestimmtem Ton bestätigt Kudrjawzew verschiedene Aspekte der FSB-Operation gegen Nawalny, nennt sogar Namen von Beteiligten, ohne dass Nawalny diese zuvor erwähnt hatte. Der nach eigenen Worten an Covid erkrankte Kudrjawzew fühlt sich erkennbar unwohl. Mehrmals sagt er, bestimmte Informationen nur über eine sichere Leitung diskutieren zu können oder verweist auf seine Vorgesetzten.

Dann aber schildert er, wie er Nawalnys blaue Unterhose zu säubern hatte. Das Nervengift sei auf die Säume im Schritt aufgetragen worden, mögliche Rückstände sollte er demnach entfernen. Dass Nawalny nicht getötet wurde, sei wohl der Tatsache geschuldet, dass sein Flug nicht wie geplant drei Stunden gedauert habe, sondern der Pilot nach 40 Minuten in Omsk notlandete. Vielleicht wäre alles anders gelaufen, sinniert Kudrjawzew, "wenn es nicht die schnelle Arbeit der Mediziner, der Sanitäter gegeben hätte".

Der FSB reagierte unwirsch. Das Telefongespräch sei gefälscht und die Veröffentlichung keine "Untersuchung", sondern eine "geplante Provokation, mit der der Dienst und dessen Mitarbeiter diskreditiert werden solle" und nicht "ohne die organisatorische und technische Unterstützung ausländischer Sicherheitsdienste möglich gewesen wäre". Dies gelte etwa für den Austausch der angezeigten Telefonnummer. Die allerdings lässt sich mit Software fälschen, die im Internet zu besorgen ist.

Sofort erhöht sich in Russland der Druck auf das Umfeld des Kremlkritikers

Auch ist es nicht das erste Mal, dass eklatante Mängel in der Absicherung von Operationen des FSB publik werden. Seine Agenten reisten mit Pässen, die aufeinanderfolgende Nummern hatten. Dokumente waren auf die Adresse des FSB-Zentrale in Moskau ausgestellt, Agenten benutzen private Mobiltelefone.

Nawalny hatte versucht, andere FSB-Mitarbeiter zur Rede zu stellen, was ihm nicht gelang. Bei zweien versuchte er, sich als Offizieller auszugeben. Kudrjawzew fiel offenkundig darauf herein - auch wenn es keine unabhängige Bestätigung für die Authentizität des Mittschnitts gibt.

Der Druck in Russland auf Nawalnys Umfeld wurde umgehend erhöht. Noch Montagabend wurde Ljubow Sobol festgenommen, die Juristin von Nawalnys Antikorruptionsstiftung FBK. Russische Medien berichteten, sie sei nahe dem Wohnort Kudrjawzews mitgenommen worden, mit dem Nawalny telefoniert hatte. Mehrere Stunden lang hätten "Generäle sich den Kopf zerbrochen, was sie mit mir nun machen sollten, die ja nichts verbrochen hat". Noch in der Nacht wurde Sobol freigelassen.

Doch schon am Dienstag legte der Kreml selber nach. Sprecher Dmitrij Peskow nannte Nawalny einen "Kranken", der an Verfolgungswahn leide und einen "Größenwahnsinnigen, der, so sagt man, sich sogar mit Jesus vergleicht".

Moskau reagiert prompt mit "zielgenauen" Sanktionen

Kaum ein Zufall war es, dass Russland ausgerechnet nach der Veröffentlichung noch einmal an der Eskalationsschraube im Verhältnis zu Deutschland gedreht und Einreisesperren gegen nicht genannte deutsche Beamte verkündet hat. In Berlin wird das als Teil einer Verteidigungsstrategie verstanden, die auf Angriff setzt.

Dazu gehören auch vier Rechtshilfeersuchen, die Deutschland die Beweislast auferlegen sollen, dass Nawalny tatsächlich Opfer eines Verbrechens geworden ist. Im Rahmen der russischen Ersuchen hat die Berliner Staatsanwaltschaft Nawalny tatsächlich vergangene Woche als "Opferzeugen" befragt. Die Anwesenheit russischer Ermittler lehnte Nawalny wenig überraschend ab.

Was die neuen Enthüllungen und Wendungen im Fall Nawalny angeht, hält sich die Bundesregierung mit Kommentaren bislang zurück. Bestätigt fühlt sie sich aber durchaus. Schließlich hatte man mit Einreiseverboten und Einreisesperren der EU, unter anderen gegen FSB-Chef Alexander Bortnikow, mit zunehmender Sicherheit in die richtige Richtung gezielt. So sieht es auch Manuel Sarrazin, Osteuropa-Sprecher der Grünen im Bundestag. "Die Sanktionen waren zielgenau", sagt er. Naiv sei es zu glauben, "dass der Kreml in irgendeiner Weise an der Aufklärung der Tat interessiert ist".

Das neue Personal soll unerfahrener, aber loyaler und entschlossener sein

Der Eindruck liegt nahe, dass die Enthüllungen von Bellingcat, The Insider und Der Spiegel eine Blamage für die russischen Sicherheitsdienste sind, doch es gibt in Russland auch andere Stimmen. Die Geheimdienst-Experten Andrej Soldatow und Irina Borogan sehen derzeit einen Umbruch in den Sicherheitsdiensten, die zwar Operationen geheim ausführten, dann aber aufflögen.

"Die russischen Organisationen sind gar nicht mehr so geheim", schreiben Soldatow und Borogan in The Moscow Times. Als Beispiele gelten auch der Giftanschlag gegen den ehemaligen russischen Geheimdienstler Sergej Skripal und dessen Tochter Julia im März 2018. Damals identifizierte das Rechercheportal Bellingcat die Namen verdächtiger russischer Geheimdienstler, rekonstruierte ihre Einreise und ihren Aufenthalt in Großbritannien.

Schon damals aber habe es keine internen Konsequenzen gegeben, schreiben Borogan und Soldatow. Unter Präsident Dmitrij Medwedjew seien die Geheimdienste etwas kürzer gekommen. Nach Putins Rückkehr ins Amt habe man wieder mehr Leute gebraucht - und loyales Personal eingestellt, das zwar weniger Erfahrung habe, "aber noch entschlossener ist und weniger Angst hat".

Öffentliche Empörung hält sich in Putins Land in Grenzen

In Russland hält sich die Empörung im Fall Nawalny in Grenzen, jedenfalls die hör- und sichtbare. Der Oppositionspolitiker hat es immer wieder geschafft, viele Tausend Menschen zu Protesten auf die Straße zu bringen. Doch der Staat hat mit einer immer repressiveren Gesetzgebung das Risiko für Regierungskritiker sukzessive erhöht. Ein weiteres verschärfendes Paket soll noch bis Ende nächster Woche verabschiedet werden.

Vereinzelt gab es am Dienstag allerdings in mehreren Städten Unterstützungsgesten für Nawalny. So auch in Moskau, direkt am Gebäude der FSB-Zentrale. Dort stand der Dokumentarfilmer Witalij Manskij und hielt symbolisch und solidarisch mit Nawalny eine hellblaue Unterhose in den Händen. Dann wurde er festgenommen.

© SZ
Zur SZ-Startseite
Oppositionsführer Nawalny vor Gericht

MeinungFall Nawalny
:Die EU agiert hilflos

Sanktionen gegen Russland dienen vor allem der Selbstbestätigung. Beim Adressaten bewirken sie wenig.

Kommentar von Sonja Zekri

Lesen Sie mehr zum Thema