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Alexander Hold:Ein TV-Richter kandidiert als Bundespräsident

Freie Wähler nominieren TV-Richter für Bundespräsidentenamt

Im Namen der Freien Wähler - diese wollen Alexander Hold als Staatsoberhaupt.

(Foto: dpa)

Die Freien Wähler wollen Alexander Hold als Staatsoberhaupt. Solche Außenseiter gab es bei vielen Wahlen: Sie hatten keine Chance, verraten aber etwas über ihre Zeit.

Ein Zeichen soll diese Kandidatur sein, die Zeiten sind schwer. Die Freien Wähler präsentieren ihren eigenen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten, wie ihr Chef Hubert Aiwanger mitteilte. Es sei ihnen nicht zuzumuten, für Kandidaten anderer Parteien zu stimmen, die "nach unwürdiger rot-rot-grüner Kungelei vorgeschlagen wurden". Der eigene Mann hingegen stehe für die bürgerliche Mitte, und "gerade in Zeiten, da bei manchen Bürgern Zweifel wachsen, ob Recht und Gesetz geachtet und verteidigt werden", sei die Kandidatur von Alexander Hold "ein Zeichen für den Rechtsstaat".

Ohne dem "TV-Richter" Alexander Hold zu nahe treten zu wollen: Es dürften sich wenige finden, die einem so großen Publikum so nachhaltig vor Augen geführt haben, wie der Rechtsstaat gerade nicht funktioniert. Schreierei zwischen Staatsanwalt und Verteidiger, großes Herzensdrama im Saal, der Sieg der Gerechtigkeit in letzter Sekunde, wenn sich aus dem Nichts jählings der eine entscheidende Zeuge materialisiert. Holds fiktive Fernsehfälle wurden auch deshalb so populär, weil in der Bundesrepublik Live-Übertragungen von Verhandlungen untersagt sind; er ist der Held einer virtuellen Justiz, deren Berührungspunkte zur Wirklichkeit einigermaßen überschaubar sind.

Er ist präsentabel und ein geübter Redner

Andererseits arbeitet er seit langem als Kommunalpolitiker für die Freien Wähler, er war auch im wahren Leben Richter, er ist präsentabel und ein geübter Redner. Hold mag ein seltsamer Kandidat sein, aber nicht zwingend ein unseriöser. Gewiss beschert das bekannte Fernsehgesicht den Freien Wählern etwas mehr von jener Aufmerksamkeit, welche diese als Alternative zu den großen Parteien an die ungleich radikalere AfD verloren haben.

Natürlich hat Hold keine Chance, jemals ins Berliner Schloss Bellevue, den Sitz des Bundespräsidenten, einzuziehen. In der 1200 Mitglieder starken Bundesversammlung, die den Nachfolger von Joachim Gauck wählen wird, sind die Freien Wähler nur eine Splittergruppe. Aber ihnen geht es um etwas anderes: Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Das war von je her der Zweck an sich aussichtsloser Kandidaturen, bei denen kleine Parteien Prominente ins Rennen schicken. Aber Parteitaktik ist es nicht allein. In gewisser Weise spiegeln die Außenseiter-Bewerber den Geist ihrer Epoche wieder, sind Ausdruck eines gesellschaftliches Grundrauschens, das in etablierten Parteien höchstens gedämpft zu vernehmen ist.

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Lübke: Inbegriff gesellschaftlicher Gestrigkeit

Als Heinrich Lübke von der CDU 1964 als Kandidat nominiert wurde, brachte die FDP Ewald Bucher ins Rennen. Der Bundesjustizminister verkörperte aber die ausklingende Nachkriegs-Ära in all ihren Widersprüchen: Bucher war nicht ohne Verdienste für die noch ungefestigte Demokratie - er schob eine Strafrechtsreform an und setzte sich für die Stärkung der Pressefreiheit ein -, aber auch ein früherer NSDAP-Mann; er trat schließlich zurück, weil er die Entscheidung des Bundestags nicht akzeptieren wollte, die Verjährungsfrist für vor 1945 begangene Morde zu verlängern. Damit hatte das Parlament erfolgreich verhindert, dass die Strafverfolgung von NS-Verbrechen endgültig eingestellt worden wäre. Präsident wurde dann Lübke, dessen Amtszeit, so mild wie möglich gesagt, zur unglücklichsten aller Bundespräsidenten wurde; nach acht Jahren war er zum Inbegriff gesellschaftlicher Gestrigkeit geworden.

Das Ziel des Kandidaten? "Sachorientierter Vernunft wieder Gehör verschaffen"

In umgekehrter Weise spiegelte eine Kandidatin 20 Jahre später in der frühen Ära Kohl die Zukunftsängste ihrer Epoche wieder. Gerade waren die Grünen in den Bundestag eingezogen, da nominierten sie Luise Rinser gegen Richard von Weizsäcker (CDU) für die Bundesversammlung. Sie stand auf verlorenem Posten, inhaltlich aber für die neuen sozialen Bewegungen: eine Frau für das höchste Staatsamt, ein unabhängiger Geist und keine Vertreterin des Parteiensystems. Als kritische Schriftstellerin genoss sie hohes Ansehen. Doch die Narreteien, zu denen sich manche deutsche Linke gelegentlich hinreißen lassen, wenn sie sich als Hüter höherer Moral verstehen, führten Luise Rinser bis nach Nordkorea. Dort entdeckte sie das Gute in der kommunistischen, schon damals bizarren Diktatur und pries deren Despoten Kim Il-sung als "hochintelligente, bescheidene und gütige Person". Vielleicht ist die Republik mit Weizsäcker als Repräsentanten dann doch besser gefahren.

Das Muster wiederholte sich: 1994, nach der Wende, nominierte die vereinigten Bündnis 90/Die Grünen den ehemaligen DDR-Bürgerrechtler Jens Reich, einen hochintegeren Mann, dessen Aufgabe es war, als ostdeutsche Stimme den um sich greifenden Unmut in den neuen Bundesländern über die Dominanz des Westens zu vertreten. Er erhielt immerhin 62 Stimmen. Eine ähnliche Rolle übernahm der beliebte Tatort-Kommissar Peter Sodann 1999 als Kandidat der Linken, hier sind die Parallelen zu Hold sehr deutlich.

Was wohl der Kandidat Hold über unsere Zeit verrät? Ob man einmal sagen wird, dass er für eine Epoche stand, in der die politische Wahrnehmung und die Realität immer weiter auseinanderklafften? Jedenfalls, nach seiner Nominierung ließ er verlauten: Er schätze seine Erfolgsaussichten zwar realistisch ein, doch "schon wenn es gelingt, sachorientierter Vernunft wieder mehr Gehör zu verschaffen als populistischen Parolen, ist viel gewonnen". Man wird sehen. Wie hat der Kandidat einmal über seinen Job als TV-Richter gesagt: "Das wahre Leben kann viel skurriler sein, als man es im Fernsehen überhaupt darstellen kann."

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