Süddeutsche Zeitung

Aldi-Brüder:Reich, reicher, unsichtbar

Karl und Theo Albrecht sind die reichsten Deutschen, aber wo sind sie zu finden? Eine Spurensuche.

Alex Rühle

Die Dinge sind verworren. Bei der Mülheimer Ruhrzeitung behaupten sie, Karl Albrecht wohne in Mülheim. Dort sagt dann ein Anwohner, nee, hier lebt nur der Sohn, der kauft zwar täglich unten im Aldi ein, hat aber mit dem Imperium kaum was zu tun; Karl senior wohnt in Köln. Im Personenarchiv steht, Karl lebe in Essen, Theo auf Föhr. In Essen heißt es, ach was, das mit Föhr sei ja steiler Unsinn, der Theo wohne dahinten in dem Reihenhaus und der Karl im Wald. Und ein Redakteur der Essener NRZ seufzt: "Lassen Sie's. Wir haben mal extra einen Piloten gemietet und Luftaufnahmen von den Häusern gemacht. Ich weiß bis heute nicht, ob das die richtigen Häuser waren. Später hieß es, das von Theo sei das von Karl und umgekehrt und andere sagten, das stimme alles überhaupt nicht."

Ein Mann sitzt am hintersten Ende von Essen auf seinem Rasenmäher, einem Traktor im Disneyformat. "Was suchen Sie denn?", fragt er. "Den Karl Albrecht. Ich möchte etwas schreiben über die Unsichtbarkeit des deutschen Reichtums anhand der Albrechts." "Da brauchen Sie nicht über die Albrechts schreiben. Wir sind hier alle unsichtbar." Da hat er Recht; das stimmt schon gartenbautechnisch.

Alle Gärtner, die hier arbeiten, müssen eine Zusatzausbildung beim Bundesgrenzschutz gemacht haben: Wie pflanzt man Gewächse derart, dass dahinter alles verschwindet ? Die Sträßchen, die sich in den Wald davonschlängeln, sind ein Dorado für dunkeldichte Nadelbäume und Hartlaubgewächse. Und die Klingelschilder sind fast alle leer. Auf einem steht wie zum Spott K. Mustermann.

Yetis in Essen

Theo und Karl Albrecht sind die Brüder Mustermann unter den deutschen Milliardären: Sie sind mit ihren 30 Milliarden Euro die Reichsten und mit ihren zwei bekannten Fotos die Unsichtbarsten. "Die Albrechts leben zurückgezogener als der Yeti", klagte Forbes einmal. Wenn das Magazin alljährlich seine Liste der reichsten Menschen abdruckt, müssen sie immer auf dieselben Bilder zurückgreifen, zwei krisselige Aufnahmen, die wie Standbilder aus einer Derrick-Folge aussehen, mausgraue Herren vor hingeramschter Achtziger-Jahre-Architektur. Die Bilder hat der Münchner Fotograf Franz Ruch gemacht.

Er mietete sich 1987 für Forbes einen Bus und wartete zwei Wochen lang;hängte sich morgens an ihre Autos, stromerte vor den Häusern herum, und irgendwann hatte er sie dann. Theo kriegte er, als der mittags zum Essen ging, Karl, als er nach Feierabend die Firma verließ.

Auf einem Nachbargrundstück steigt eine Frau aus ihrem Mercedescoupé und nähert sich freundlich. Als der Name Albrecht fällt, rasseln vor ihrem Gesicht die Jalousien runter, und sie sagt den wunderbaren Satz: "Sie werden verstehen, dass ich aus juristischen Gründen dazu keine Stellung beziehen kann."

Später hat angeblich nochmal jemand die Albrechts in einer Essener Kirche fotografiert. Der Fotograf musste eine Unterlassungserklärung unterschreiben und die Bilder rausrücken. Natürlich wollten die Aldis auch Ruchs Bilder verbieten. Aber irgendwann haben sie nachgegeben. Vielleicht weil sie wussten, dass dann Ruhe ist. "So hab ich jetzt mein kleines Monopol", sagt Ruch.

Reich, reicher, unsichtbar

Eine Putzfrau kommt vorbei, die gerade fertig ist mit ihrer Schicht und zischelt: "Klar, hier das Haus, da wohnt der Karl. Der hat in der Straße das Sagen, der bestimmt, wer wo mit seinen Hunden laufen darf." Soweit das durch Gestrüpp und Bäume zu sehen ist, ist das Haus ein mondänes Anwesen, mehrere ineinander gesteckte Würfel, Flachdach, halb Finca, halb LBS-Werbung. Die Buchen hier haben schon geblüht, als das Industriezeitalter noch nicht mal am Horizont zu sehen war. Weiter die Straße runter hoppelt ein Hase durch den Zaun eines unsichtbaren Nachbarn.

"Reichtum ist ein scheues Wild", stellten SPD und Grüne fest, als sie 1999 den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung in Auftrag gaben. Eigentlich weiß niemand, wie viele Reiche es gibt in Deutschland. Die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe, die alle fünf Jahre Einnahmen und Ausgaben von 75000 Haushalten protokolliert, lässt Menschen mit einem Einkommen von mehr als 18000 Euro im Monat außer Acht.

Seit das Bundesverfassungsgericht 1996 die Vermögenssteuer abschaffte, fällt auch diese Erkenntnisquelle weg. Und von den 300 Milliarden Euro Vermögen, die nach Schätzung der Deutschen Steuer-Gewerkschaft in Steueroasen geparkt sind, weiß auch niemand nichts Genaues. "Es drängt sich der Verdacht auf, dass Unkenntnis über hohe Einkommen vielleicht sogar eine ihrer Grundvoraussetzungen darstellt," sagt der Bochumer Reichtumsforscher Ernst Ulrich Huster.

Huster glaubt, die Unsichtbarkeit des deutschen Reichtums hänge mit dem Mythos vom Wirtschaftswunder zusammen: "Schuld ist die Fiktion, dass wir 1949 bei Gründung der Bundesrepublik alle gleich waren und uns dann mehr oder weniger hochgearbeitet haben, deshalb gibt es kaum aktuelle Vermögensstatistiken."

Nach 1945, als alles am Boden lag und der Markt völlig neu aufgebaut wurde, hatten tatsächlich auch Newcomer eine Chance. "Es gab eine größere soziale Durchlässigkeit", so der Darmstädter Soziologe Michael Hartmann. Axel Springer, Max Grundig, der Schraubenverkäufer Reinhold Würth, sie alle stammen nicht aus reichen Familien. Seit den achtziger Jahren ist die Chance aufzusteigen viel geringer geworden. Die Milliardäre bleiben seither quasi unter sich.

Der Kleinwagen hält mit quietschenden Reifen. Eine Frau kurbelt die Scheibe runter und sagt gehetzt: "Sie stehen hier schon richtig, aber den werden Sie nie zu Gesicht bekommen. Hier sieht man niemanden. Die gehen alle zum Lachen in den Keller." Schon ist sie weg.

Die gesichtslosen Albrechts sind kein Sonderfall. Kennen Sie Otto Beisheim? Dem gehören Metro und 4,2 Milliarden Euro. Das Managermagazin schreibt über ihn: "Beisheim litt jahrelang unter dem Zwang, einen höheren Zustand der Abwesenheit zu erreichen, als einfach nur nicht da zu sein.

Deshalb ließ er sich nicht blicken, markierte Phantom, spukte herum wie der verstorbende Milliardär Howard Hughes." Von Dieter Schwarz, dem Lidl-Besitzer, gibt es auch nur ein einziges Foto. Aber bei Schwarz kennt man wenigstens den Geburtsort.

Im Archiv heißt es: "Karl Albrecht, kath., wurde am 20. Febr. 1920 (der Geburtsort ist, wie viele andere Details aus A.'s Leben, nicht bekannt) geboren." Derselbe Satz, mit anderem Geburtsdatum, leitet auch Theos Biografie ein. Der Vater verdingt sich als Bäcker, nachdem er sich unter Tage eine Staublunge zugezogen hat. Damit die Familie nicht verhungert, eröffnet die Mutter 1913 in Essen-Schonnebeck einen Krämerladen. 1946 übernehmen die beiden Kriegsheimkehrer Theo und Karl den Laden, 1961 eröffnet der erste Aldi (Albrecht-Discount).

Im selben Jahr wurde Deutschland nicht nur in Ost und West, sondern auch in Nord und Süd geteilt. Heute wird der Unternehmenswert auf 25 Milliarden Euro geschätzt. Allianz, Commerzbank und HypoVereinsbank sind zusammen ungefähr genausoviel wert.

Karl züchtet Orchideen und war mal hervorragender Golfer. Theo macht immer hinter sich das Licht aus, bringt allen Mitarbeitern bei, Papier beidseitig zu beschriften und kundschaftet in Hotels als Erstes die Fluchtwege aus. Das ist alles, was man über die beiden weiß. Daraus wurde dann die Legende von den büroklammerhaften, spartanischen Nachkriegsmilliardären gestrickt.

Aber weiß man das? Es steht halt überall. Und es steht vor allem deshalb überall, weil Dieter Brandes es in seinem Buch "Konsequent einfach" so geschrieben hat. Brandes war Geschäftsführer bei Aldi. Heute arbeitet er nicht mehr für die Firma, aber sein Buch liest sich wie aus dem Inn-

eren eines Propagandaministeriums. Trotzdem schreiben alle bei ihm ab, es gibt ja sonst nichts. Noch so ein Monopol.

Reich, reicher, unsichtbar

Man kann die Geheimniskrämerei der Albrechts verstehen, Theo wurde 1971 entführt, sieben Millionen Mark Lösegeld überreichte der Bischof Franz Hengsbach damals nach zwei Wochen auf einem Parkplatz den beiden Kidnappern. Es war die bis dahin teuerste deutsche Entführung. Damals erfuhren die Deutschen überhaupt erst davon, dass die Brüder mit ihren Kartonverwahranstalten so reich geworden waren.

Die Gangster dachten zunächst, dass sie aus Versehen den Buchhalter erwischt hätten. Der Entführer Paul Krohn, in Düsseldorf als "Diamantenpaule" bekannt, ließ sich Theos Ausweis zeigen, so irritiert war er vom mausgrauen, abgewetzten Outfit des Milliardärs. "Sie sind doch der Herr Albrecht, oder? Der Theo Albrecht?!"

Acht Jahre nach seiner Freilassung strengte Theo dann einen Musterprozess an, weil er die sieben Millionen von der Steuer absetzen wollte. Sein Anwalt argumentierte, das Lösegeld sei betriebsbedingt gezahlt worden, Albrecht sei ja nicht als Privatperson, sondern als Firmeninhaber entführt worden.

1953 hielt Karl auf einem Treffen des Lebensmittelverbandes einen Fachvortrag. Das ist die einzige überlieferte geschäftliche Äußerung der beiden. Damit stellen sie noch den Schriftsteller Thomas Pynchon in den Schatten, der sich 40 Jahre vor Journalisten verstecken konnte, bis ihn CNN 1997 ausfindig machte.

Pynchon lockte den Reportern die Zusage ab, das Material nicht zu zeigen, indem er ihnen dafür ein Interview versprach. Dieses so genannte Interview besteht aus zwei Sätzen, die die Albrechts wahrscheinlich sofort unterschreiben würden: "Das Wort ,Einsiedler' ist doch eine Art Codewort unter euch Journalisten, das bedeutet: mag nicht mit Reportern reden. Lassen Sie mich deutlich sein: Ich mag einfach nicht photographiert werden." Damit war alles gesagt.

Verschwunden im Imperium

Karl Albrecht war in seinem Vortrag 1953 pragmatischer. Aber auch er hat damals alles gesagt: "Unsere ganze Werbung liegt im billigen Preis." Für Werbeagenturen, Unternehmensberater und Marktforschung haben die Brüder in 60 Jahren keinen Pfennig ausgegeben. Stattdessen waren sie einfach billig. Anfangs haben sie Butter unter Selbstkostenpreis verkauft und das Geld woanders eingespart: Es gab bei ihnen keine Kühlregale. Die Angestellten mussten die Butter nach Feierabend in den Keller schleppen und morgens wieder raufholen.

Im Öschberghof gibt es an diesem Sommerabend buttrigen Fisch und Weißwein. Karl hat das Fünfsternehotel 1978 an den Rand von Donaueschingen gebaut, in Sichtweite eines Aldi-Zentrallagers, ein Abschreibungsobjekt, das seine Sterne dem mit 27 Löchern damals größten deutschen Golfplatz zu verdanken hat. Hier reden sie von Karl Albrecht wie von einem leutseligen Onkel.

Der sei ja so nett, sagt ein Mädchen an der Rezeption. Und der Manager kriegt sich gar nicht mehr ein, er habe schon an vielen Häusern gearbeitet, aber "ich hab selten so einen Charismatiker erlebt." Karl Albrecht, ein Charismatiker? "Diese Größe! Wer bin ich in dem Unternehmen? Niemand. Aber Herr Albrecht redet mit mir völlig normal. Der sitzt hier oft im Restaurant, trinkt ein Bier und freut sich. Der hat einen Erfahrungsschatz, da können Sie nur noch zuhören." Und von dem Mann soll es nur ein Foto geben?

Ach ja, von Theo gibt es noch ein Foto, von 1971. Es zeigt ihn nach der Freilassung, auf seinem Balkon. Er sagte damals nur einen Satz: "Ich hoffe, dass der Rummel beendet ist und dass nichts mehr über meine Entführung veröffentlicht wird." Dann verschwand er auf Nimmerwiedersehen in seinem Haus und seinem Imperium.

Hinter dem Öschberghof steht ein kleiner Bungalow, in dem wohnt Karl der Große, wenn er hier vorbeikommt. Klingeling, keiner da. Das einfache Häuschen ist akkurat umzäunt, am Fenster steht ein Kaktus vor Gardine, mehr ist auch hier nicht zu sehen. Auf dem Golfplatz fährt ein älterer Mann herum, der sagt, der Albrecht habe noch im Alter von 70 Jahren ein Handicap von sieben gehabt. Jetzt lebe er übrigens in der Schweiz, und seither komme er ja leider gar nicht mehr vorbei.

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Quelle:
SZ vom 19.8.2005
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