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Aldi-Brüder:Reich, reicher, unsichtbar

Eine Putzfrau kommt vorbei, die gerade fertig ist mit ihrer Schicht und zischelt: "Klar, hier das Haus, da wohnt der Karl. Der hat in der Straße das Sagen, der bestimmt, wer wo mit seinen Hunden laufen darf." Soweit das durch Gestrüpp und Bäume zu sehen ist, ist das Haus ein mondänes Anwesen, mehrere ineinander gesteckte Würfel, Flachdach, halb Finca, halb LBS-Werbung. Die Buchen hier haben schon geblüht, als das Industriezeitalter noch nicht mal am Horizont zu sehen war. Weiter die Straße runter hoppelt ein Hase durch den Zaun eines unsichtbaren Nachbarn.

"Reichtum ist ein scheues Wild", stellten SPD und Grüne fest, als sie 1999 den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung in Auftrag gaben. Eigentlich weiß niemand, wie viele Reiche es gibt in Deutschland. Die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe, die alle fünf Jahre Einnahmen und Ausgaben von 75000 Haushalten protokolliert, lässt Menschen mit einem Einkommen von mehr als 18000 Euro im Monat außer Acht.

Seit das Bundesverfassungsgericht 1996 die Vermögenssteuer abschaffte, fällt auch diese Erkenntnisquelle weg. Und von den 300 Milliarden Euro Vermögen, die nach Schätzung der Deutschen Steuer-Gewerkschaft in Steueroasen geparkt sind, weiß auch niemand nichts Genaues. "Es drängt sich der Verdacht auf, dass Unkenntnis über hohe Einkommen vielleicht sogar eine ihrer Grundvoraussetzungen darstellt," sagt der Bochumer Reichtumsforscher Ernst Ulrich Huster.

Huster glaubt, die Unsichtbarkeit des deutschen Reichtums hänge mit dem Mythos vom Wirtschaftswunder zusammen: "Schuld ist die Fiktion, dass wir 1949 bei Gründung der Bundesrepublik alle gleich waren und uns dann mehr oder weniger hochgearbeitet haben, deshalb gibt es kaum aktuelle Vermögensstatistiken."

Nach 1945, als alles am Boden lag und der Markt völlig neu aufgebaut wurde, hatten tatsächlich auch Newcomer eine Chance. "Es gab eine größere soziale Durchlässigkeit", so der Darmstädter Soziologe Michael Hartmann. Axel Springer, Max Grundig, der Schraubenverkäufer Reinhold Würth, sie alle stammen nicht aus reichen Familien. Seit den achtziger Jahren ist die Chance aufzusteigen viel geringer geworden. Die Milliardäre bleiben seither quasi unter sich.

Der Kleinwagen hält mit quietschenden Reifen. Eine Frau kurbelt die Scheibe runter und sagt gehetzt: "Sie stehen hier schon richtig, aber den werden Sie nie zu Gesicht bekommen. Hier sieht man niemanden. Die gehen alle zum Lachen in den Keller." Schon ist sie weg.

Die gesichtslosen Albrechts sind kein Sonderfall. Kennen Sie Otto Beisheim? Dem gehören Metro und 4,2 Milliarden Euro. Das Managermagazin schreibt über ihn: "Beisheim litt jahrelang unter dem Zwang, einen höheren Zustand der Abwesenheit zu erreichen, als einfach nur nicht da zu sein.

Deshalb ließ er sich nicht blicken, markierte Phantom, spukte herum wie der verstorbende Milliardär Howard Hughes." Von Dieter Schwarz, dem Lidl-Besitzer, gibt es auch nur ein einziges Foto. Aber bei Schwarz kennt man wenigstens den Geburtsort.

Im Archiv heißt es: "Karl Albrecht, kath., wurde am 20. Febr. 1920 (der Geburtsort ist, wie viele andere Details aus A.'s Leben, nicht bekannt) geboren." Derselbe Satz, mit anderem Geburtsdatum, leitet auch Theos Biografie ein. Der Vater verdingt sich als Bäcker, nachdem er sich unter Tage eine Staublunge zugezogen hat. Damit die Familie nicht verhungert, eröffnet die Mutter 1913 in Essen-Schonnebeck einen Krämerladen. 1946 übernehmen die beiden Kriegsheimkehrer Theo und Karl den Laden, 1961 eröffnet der erste Aldi (Albrecht-Discount).

Im selben Jahr wurde Deutschland nicht nur in Ost und West, sondern auch in Nord und Süd geteilt. Heute wird der Unternehmenswert auf 25 Milliarden Euro geschätzt. Allianz, Commerzbank und HypoVereinsbank sind zusammen ungefähr genausoviel wert.

Karl züchtet Orchideen und war mal hervorragender Golfer. Theo macht immer hinter sich das Licht aus, bringt allen Mitarbeitern bei, Papier beidseitig zu beschriften und kundschaftet in Hotels als Erstes die Fluchtwege aus. Das ist alles, was man über die beiden weiß. Daraus wurde dann die Legende von den büroklammerhaften, spartanischen Nachkriegsmilliardären gestrickt.

Aber weiß man das? Es steht halt überall. Und es steht vor allem deshalb überall, weil Dieter Brandes es in seinem Buch "Konsequent einfach" so geschrieben hat. Brandes war Geschäftsführer bei Aldi. Heute arbeitet er nicht mehr für die Firma, aber sein Buch liest sich wie aus dem Inn-

eren eines Propagandaministeriums. Trotzdem schreiben alle bei ihm ab, es gibt ja sonst nichts. Noch so ein Monopol.

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