Albaniens Krieg gegen Drogen Warum man sich nicht wundern sollte

"Wenn die Polizei mehr Pflanzen zerstört, vergrößern sie (die Bauern) nur die Anbaufläche", meint der renommierte albanische Kriminalreporter Artan Hoxha.

Hoxha hat jahrelang über die Drogenkriminalität in Albanien berichtet. 2015 erhielt er eine Todesdrohung via SMS von einer in Holland registrierten Telefonnummer.

"Dieses Jahr ... um es der Polizei noch schwerer zu machen, sie anzugreifen, haben sie (die Drogenschmuggler) mehr Plantagen angelegt und über das ganze Land verstreut", erzählt er BIRN. "Das macht es der Polizei unmöglich, alles zu zerstören."

"Die albanische Polizei verfügt weder über die nötige Größe noch die Ausrüstung, um im ganzen Land operieren zu können. Diejenigen, die verhaftet werden, sind zumeist unorganisierte Einzelpersonen oder arme Dorfbewohner; ein Großteil der Plantagen bleibt bestehen."

Dem EU-Fortschrittsbericht 2015 zufolge ist das Niveau der Ausrüstung und Logistik der Polizei besorgniserregend. Die Polizei mache "wenig Gebrauch" von strategischen Werkzeugen zur Informationsbeschaffung, die ihr aufgrund einer operativen Vereinbarung mit Europol, der Strafverfolgungsbehörde der EU, zur Verfügung stehen.

"Die geringe Kompetenz der Kriminalpolizei und der Staatsanwaltschaft, komplexe Kriminalfälle aufzudecken und zu untersuchen, bedeutet, dass man auf einfache Ermittlungen, die mit Festnahmen auf frischer Tat enden, beschränkt ist. Es gibt also kein umfassendes Konzept für Ermittlungen und Strafverfolgung."

Die albanische Staatspolizei verfügt bei einer Bevölkerung von etwa 2,7 Millionen Menschen über rund 10 000 Beamte, die durchschnittlich etwa 350 Euro im Monat verdienen. Der Durchschnittslohn in Albanien ist nur geringfügig höher und liegt bei 370 Euro im Monat. Nahezu jede fünfte Erwerbsperson ist arbeitslos, die Landwirtschaft ist der größte Arbeitgeber.

Drogen Wie das Drogenverbot Dealer zu Millionären macht
Suchtpolitik

Wie das Drogenverbot Dealer zu Millionären macht

Mehr als ein halbes Jahrhundert haben die Vereinten Nationen im Kampf gegen Heroin, Kokain und Crystal Meth auf scharfe Verbote gesetzt. Nun wächst die Einsicht: Sie bringen nichts - im Gegenteil.   Von Kathrin Zinkant

Schmuggler haben kaum Schwierigkeiten, Willige für den Anbau von Cannabis zu finden - gleiches gilt für Polizeibeamte, die bereit sind, ein Auge zuzudrücken.

Expertin Arsovska gegenüber BIRN: "Die Verflechtung von Politik und Kriminalität, genährt durch Korruption, ermöglicht es dem organisierten Verbrechen zu wachsen und zu gedeihen."

Bestechung habe eine "lange Tradition" und sei gemeinhin akzeptiert, sagt sie.

"Wenn man sich die Situation in Afghanistan ansieht", so Arsovska, "kann man den Bauern schwer vorschreiben, den Anbau von Schlafmohn zu stoppen, wenn man ihnen keine gute Alternative anbieten kann. Damit das Angebot zurückgeht, sollte eine alternative Einnahmequelle ebenso rentabel sein und weniger riskant . Es ist schwierig den Leuten zu sagen, sie sollen nicht mehr mit Straftätern zusammenarbeiten, wenn sie keine besseren Möglichkeiten haben, um Geld zu verdienen, oder wenn sie einfach Angst vor Vergeltung haben."

Gjergji, in den Bergen über Shkodra, formuliert es so:

"Sie [die Käufer] haben das Geld, wir haben den Stoff. So einfach ist das", sagt er. "Ein Kilo Cannabis lässt sich für 800 bis 1000 Euro verkaufen. Sie verstehen also, wie wichtig das ist."

"Wir wollen leben und wir brauchen Geld. Nicht jeder von uns wird davonkommen, aber ich hoffe, ich schaffe es."

Übersetzung: Barbara Maya

Der Fall des Klemend Balili

Regierungskritiker haben den Fall des Klemend Balili, einem 44-jährigen albanischen Geschäftsmann und ehemaligen Leiter für Transporte des Ministeriums für Transport, in der Region Saranda im Süden Albaniens als Beweis für das Klima der Straflosigkeit und der geheimen Absprachen der Regierung mit Schwarzhändlern aufgegriffen.

Im Mai 2016 war die US-amerikanische Drogenbehörde DEA an einer Operation beteiligt, bei der griechische Polizeikräfte ungefähr 687 Kilo ursprünglich aus Albanien stammendes Marihuana beschlagnahmten. Dazu kamen 451 Kilo im Jänner 2014 und beinahe 700 Kilo im April 2015 - so die Bilanz einer zweijährigen Großfahndung, die einen einzigen Händelerring im Visier hatte.

Laut Angaben der griechischen Polizei haben die Schwarzhändler Marihuana auf Schnellbooten von Albanien nach Griechenland transportiert und anschließend Scheintransportfirmen gegründet, um die Ware an andere europäische Länder zu senden. Griechische und albanische Medien konnten den Hauptverdächtigen Balili identifizieren.

Das Portal Balkan Insight berichtete, dass Balilis Name auf einem griechischen Haftbefehl vom 9. Mai aufscheint. Er wurde aus dem Staatsdienst entlassen, ist aber weiterhin auf freiem Fuß.

Albaniens oppositionelle Demokraten bezichtigten die Regierung, ihn vor der Verhaftung bewahrt zu haben, was diese leugnet; die Familie von Balili verfügt laut Angaben von Balkan Insight und albanischen Medienberichten über mannigfaltige politische Verbindungen.

In einem auf dem Nachrichtenportal newsbomb.al aus Tirana am 11. Mai geposteten Zitat weist Balili die Vorwürfe zurück und bezeichnet sie als politisch motiviert.