Albaniens Krieg gegen Drogen "Ab hier verwenden wir Tiere als Transportmittel"

In Hoti, einem entlegenen Bergdorf an der Grenze zwischen Albanien und Montenegro, deutet ein Schmuggler auf einen schmalen, von Büschen und Bäumen verdeckten Weg.

"Ab hier verwenden wir Tiere als Transportmittel", erklärt er.

"Sobald man sich geeinigt hat, ist die Aufgabe der Polizei einfach. Sie haben nicht mehr die Berge auf dem Radar, sondern überwachen die Gegend in Richtung Skutarisee und geben uns Bescheid, wenn die Straße frei ist, damit wir die Ware sicher an ihren Bestimmungsort schicken können."

"Für den Transport von einem Kilogramm Hanf zahlen wir 50 Euro - das deckt die albanischen und die montenegrinischen Transporteure ab -, ein weiterer Anteil geht an die Polizei, weil es unmöglich ist, irgendetwas ohne ihre Zustimmung zu transportieren", erzählt der Schmuggler BIRN. Transporteure würden Esel verwenden, die mit 50 bis 100 Kilo beladen sind.

"Normalerweise werden nur jene festgenommen, die im Alleingang handeln oder die ihre Kontaktpersonen bei der Grenzpolizei nicht gebührend bezahlen", so der Schmuggler.

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In Hoti nimmt einer dieser "Transporteure" in einer Ecke der Terrasse eines Straßencafés Platz. Er sagt, sein Name sei Gezim. "Hier hat jeder Ohren, aber alle tun es", meint er.

Bis zu sieben Jahre Haft stehen auf den Anbau oder Transport von Albanien

Wie andere Transporteure ist er mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut und hat Beziehungen zur Polizei.

"Bis jetzt haben wir maximal 100 Kilo an einem Tag geschafft, die Bezahlung ist immer gleich, 50 Euro pro Kilo. Normalerweise sind wir nachts oder am frühen Nachmittag unterwegs, wenn die Leute beim Essen sind oder schlafen."

"Wenn du das tun willst, dann musst du mit jenen sprechen, die an der Macht sind. Sonst landest du für lange Zeit hinter Gittern."

Nach albanischem Gesetz wird der Anbau oder Transport von Cannabis mit drei bis sieben Jahren Haft bestraft. Gehört man einer organisierten Gruppe an, drohen fünf bis zehn Jahre. Rädelsführer dürfen mit Freiheitsstrafen zwischen sieben und 15 Jahren rechnen.

Von Hoti nach Montenegro finden die Drogen ihren Weg auf dem Landweg über die durchlässigen Grenzen der ehemaligen jugoslawischen Republiken, durch Serbien, Bosnien oder Kroatien, und gelangen schließlich in den Schengen-Raum der EU, zunächst nach Ungarn oder Slowenien.

Andere Schmuggler wählen die direktere Route auf dem See- oder Luftweg von den Westküsten Albaniens zur apulischen Küste in Süditalien. Etwas mehr als 200 Kilometer trennen das albanische Durres von der italienischen Hafenstadt Bari.

"Marihuana aus Albanien wird häufig mit schnellen Motorbooten, auf dem Landweg durch Montenegro, Kroatien und Slowenien oder in kleinen Piper-Flugzeugen transportiert", berichtet ein Ermittler der Guardia di Finanza, der italienischen Finanzpolizei, die für die Bekämpfung von Finanzkriminalität, Schmuggel und Drogenhandel zuständig ist.

"Bei der letztgenannten Methode werfen Schwarzhändler große Mengen an Rauschgift einfach in Apulien ab, wo ihre Helfer am Boden auf sie warten", erzählte der Ermittler BIRN in Bari - unter der Voraussetzung, namentlich nicht genannt zu werden, da er nicht befugt sei, mit Journalisten zu sprechen.

Die von den Schmugglern bevorzugten Piper-Flugzeuge sind leichte, einmotorige Doppelsitzer, die bis zu etwa 500 Kilo transportieren können und eine Reichweite von bis zu 1600 Kilometern haben.

Aus einem Bericht der italienischen Zentraldirektion für Rauschgiftbekämpfung aus dem Jahr 2015 geht hervor, dass die Schmuggler "geheime Routen quer über die Adria" nutzen. Italiens nationale Antimafiabehörde erwähnt ebenfalls in einem Bericht aus dem Jahr 2015, dass eine der beliebtesten Taktiken der Schmuggler darin bestehe, Drogen unter anderen Waren in "umgebauten Anhängern, Lieferwagen oder Pkws" zu verstecken, die den Hafen von Bari passieren.

Den Zahlen der Guardia di Finanza zufolge wurden 2014 etwas mehr als drei Tonnen Cannabis im Hafen beschlagnahmt. Diese Zahl verringerte sich 2015 auf 1,8 Tonnen, jedoch wurde an einem einzigen Tag im Juli 2016 ein zehn Meter langes Boot gestoppt, in dem man 1,2 Tonnen Cannabis mit einem geschätzten Marktwert von 12 Millionen Euro fand.

2006 verhängte Albanien unter dem demokratischen Ministerpräsidenten Sali Berisha ein Verbot für private Schnellboote. Die Regierung nahm damit die Schlepper und Drogenhändler ins Visier - in dem Versuch, die EU zu überzeugen, die Visabestimmungen für Albaner zu lockern. Kurz vor der Parlamentswahl, bei der Berisha seinem Kontrahenten Rama unterlag, lief das Moratorium aus und ist seitdem nicht mehr erneuert worden.

In Ermangelung eines eigenen Überwachungssystems traf Albanien im August 2012 mit Italien eine Vereinbarung, der zufolge die italienische Polizei Luftaufnahmen von Gebieten macht, in denen Cannabis angebaut wird. Die Bilder werden an die Universität von Neapel geschickt, wo Experten die Anzahl der Cannabispflanzen ermitteln.

Laut Angaben der Guardia di Finanza wurden 2014 auf Überwachungsflügen 815 Plantagen mit geschätzten 165 000 Cannabispflanzen identifiziert, wobei nur etwa 15 Prozent des albanischen Hoheitsgebiets überfolgen wurden. 2015 entdeckte man 1200 Plantagen mit ungefähr 243 000 Pflanzen, ebenfalls auf einem Gebiet, das 15 Prozent der Landesfläche ausmacht.