Albaniens Krieg gegen Drogen Der Krieg begann in Lazarat

Der Krieg begann in Lazarat, einem Dorf im Süden Albaniens, wo sich im Laufe von 15 Jahren eine europaweit einzigartige Cannabisindustrie entwickelt hatte. Das schwer bewaffnete Dorf war für etwa die Hälfte der Cannabisproduktion Albaniens verantwortlich, d.h. ca. 900 Tonnen jährlich, was einem geschätzten Straßenwert in Europa von 4,5 Milliarden Euro entspricht.

Die Einwohner von Lazarat, die Cannabis ungeniert in ihren Hinterhöfen und auf ihren Feldern anbauten, stimmten regelmäßig für die Demokratische Partei, die zuletzt von 2005 bis 2013 an der Macht war.

Der neue Regierungschef Rama ordnete den Sturz der Cannabisindustrie des Dorfes nach knapp einem Jahr seiner Amtszeit an - nur wenige Tage bevor die Europäische Union darüber entscheiden sollte, ob man Albanien den begehrten Status eines Beitrittskandidaten zuerkennen wollte oder nicht, was dem Land mehr EU-Mittel bringen würde.

Etwa 800 Polizeibeamte, darunter Sondereinsatzkräfte in Panzerfahrzeugen, zogen im Juni fünf Tage lang eine enge Schlinge um das Dorf und gerieten unter Beschuss jener, die entschlossen waren, ihre Ernte zu verteidigen, während sie sich nach und nach zurückzogen und über die Berge flohen. Etwa 130000 Cannabispflanzen gingen in Flammen auf, vier Drogenlabors wurden zerstört und 80 Tonnen Marihuana beschlagnahmt. Dutzende Personen wurden verhaftet.

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Laut Rama habe die Polizei "das 20 Jahre alte Tabu einer Zone des Verbrechens, die sich selbst als eigenständige Republik deklarierte und zu einem Schandfleck für Albanien geworden war," zerschlagen. Für seinen Innenminister Saimir Tahiri habe dies die Entschlossenheit der Regierung demonstriert, "den Rechtsstaat in ganz Albanien durchzusetzen".

Über zwei Jahre später sitzen allerdings nur zehn Personen in Haft, in erster Linie, weil sie auf Polizisten geschossen und Cannabis gezüchtet hatten.

"Die albanische Gesellschaft basiert auf einem Sippen- bzw. Freundschaftssystem"

Diese Männer galten weithin als Handlanger einer Operation des organisierten Verbrechens von industriellem Ausmaß, dessen Rädelsführer sich ungehindert davongemacht hatten oder nie vor Ort gewesen waren, wobei Letzteres wahrscheinlicher ist.

In einem von der EU im November veröffentlichten Fortschrittsbericht zu Albaniens Beitrittsgesuch finden die "beachtlichen Drogensicherstellungen und die Zerstörung von Cannabispflanzen" lobende Erwähnung. Allerdings wird auch auf die nach wie vor geringe Anzahl an Verurteilungen hingewiesen. Ermittlungen und Strafverfolgungen würden "die Drogenlieferkette nicht weit genug hinaufreichen."

"Polizei und Staatsanwaltschaft gelingt es nicht, die kriminellen Banden hinter dem Drogenanbau und -handel ausfindig zu machen, und eine effiziente gerichtliche Weiterverfolgung in Strafprozessen ist selten sichergestellt", heißt es in dem Bericht.

Der Fortschrittsbericht des vergangenen Jahres hatte darauf aufmerksam gemacht, dass Finanzermittlungen, Maßnahmen zur Bekämpfung der Geldwäsche und die Beschlagnahmung von Vermögenswerten "nur unzureichend genutzt" wurden. Zwischen 2010 und 2015 wurden dem Bericht zufolge tatsächlich weniger als 35 Personen der Geldwäsche überführt.

Expertin Arsovska gegenüber BIRN: "Die albanische Gesellschaft basiert auf einem Sippen- bzw. Freundschaftssystem; man wird verhaftet, wenn man weder bei der Polizei noch in der öffentlichen Verwaltung Freunde hat."

"Auch wenn die Regierung vorgibt, das Drogenproblem zu 'bekämpfen', so gibt es gleichzeitig Schwerverbrecher/Drogenhändler, die ungeschoren davonkommen und einer Haftstrafe entgehen."

Der US-amerikanische Botschafter in Tirana, Donald Lu, äußerte sich im September zu diesem Problem und erklärte einer Gruppe von Journalismusstudenten, dass sowohl die derzeitige als auch die vorherige Regierung "ein Problem mit dem Rauschgifthandel haben und es Politiker gibt, die von ihren Verbindungen zu Drogenhändlern profitiert haben".

"Wir wissen, dass es mehrere Parlamentsmitglieder und Bürgermeister in Albanien gibt und es auch Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters gegeben hat, die wegen Drogenhandels in EU-Mitgliedsstaaten verurteilt wurden", mahnte er seine Zuhörer.

BIRN bat um ein Interview mit dem Innenministerium und sandte per E-Mail Fragen bezüglich des Problems der Polizeikorruption und der Anschuldigungen, der Staat habe die Drahtzieher hinter der Cannabisindustrie nicht ins Visier genommen, bekam jedoch keine Antwort. BIRN ersuchte ebenfalls um Stellungnahme seitens der Staats- und Grenzpolizei, erhielt aber auch hier keine Reaktion.