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Albanien:Tristesse unter Obstbäumen

Bilder zu Albanien-Geschichte E-Tag Samstag 24.4.21

Enttäuschte Hoffnungen: Tahir und Deshira Murati in ihrem Garten in Laç, einem Ort im Norden Albaniens.

(Foto: Florian Hassel)

Warum die Familie Murati zweimal für Ministerpräsident Edi Rama gestimmt hat, ihn aber am Sonntag kein drittes Mal mehr wählen wird. Eindrücke aus einem Land, in dem Politikerskandale kaum Folgen haben.

Von Florian Hassel, Laç

Es ist der 16. Februar, als Tahir Murati aus seinem malerischen Garten mit den Gemüsebeeten und Obstbäumen ins Zentrum von Laç geht. 15 Monate zuvor war die Kleinstadt eine Autostunde nördlich der albanischen Hauptstadt Tirana von einem Erdbeben getroffen worden. An diesem Februartag will Ministerpräsident Edi Rama zum Baubeginn des neuen Krankenhauses kommen, es soll die zerstörte Klinik im Ort ersetzen.

Tatsächlich kommt Rama, begleitet von der Gesundheitsministerin, die den Bau des Krankenhauses in nur vier Monaten verspricht. Doch die Einwohner sind skeptisch. "Das erste Mal hat Rama am 14. Dezember 2019 versprochen, das Krankenhaus in sechs Monaten wiederaufzubauen", sagt Emarilda Leti vom Jugendzentrum Sebastia. "In den vergangenen Monaten wurde der Baubeginn weitere vier Mal bekannt gegeben. Passiert ist nichts."

Auch Tahir Murati wird Mitte Februar enttäuscht: "Kaum waren die Fernsehkameras ausgeschaltet und Rama abgefahren, wurden die Baumaschinen weggeräumt, und die Bauarbeiter gingen auseinander. Es war ein typisches Rama-Versprechen - nichts als ein Wahlkampfstunt." Als die SZ die Baustelle Mitte April besichtigt, sind dort keine Arbeiten im Gange.

Murati, der selbst jahrelang Bauarbeiter war, hat 2013 und 2017 Rama gewählt, den früheren Maler und Zwei-Meter-Mann. Er war zunächst Kulturminister, später Bürgermeister von Tirana und wurde 2013 Ministerpräsident. Er will, dass ihm die Albaner am Sonntag bei der Parlamentswahl eine dritte Amtszeit geben. Murati wird dies nicht tun. "Rama hat uns Wandel, Aufschwung, Arbeitsplätze und ein Ende der Korruption versprochen. Nichts davon ist eingetroffen."

Viele Albaner wandern aus und bereuen es auch nicht

Gewiss, wer nur nach Tirana schaut, bekommt einen anderen Eindruck: Die Hauptstadt boomt, überall schießen neue Wolkenkratzer in den Himmel. Kleant Hodaj, 30 Jahre alt, verheiratet, sitzt mit seinem Sohn in einem Café im Zentrum. Er spricht Italienisch und Englisch und arbeitet seit elf Jahren in Callcentern ausländischer Firmen, einer Branche, in der mindestens 30 000 Albaner ihr Geld verdienen.

Hodaj hat von Olivenöl bis zu Telefonverträgen schon vieles verkauft und verdiente schon vor Jahren mit 750 Euro monatlich mehr als seine Eltern zusammen. Sie sind beide Lehrer. Allerdings stellte Hodaj später fest, dass viele Callcenter-Firmen sich nicht an Bestimmungen halten und zum Beispiel keine Feiertagszuschläge zahlen. Anfang 2020 versuchte Hodaj, eine Gewerkschaft zu gründen - kurz darauf wurde ihm gekündigt. Später fand er eine neue Stelle, kürzlich wurde die Gewerkschaft registriert.

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Callcenter-Mitarbeiter Kleant Hodaj in Tirana.

(Foto: Florian Hassel)

Hodaj ist aufgestiegen und zufrieden mit seinem neuen Arbeitgeber, dem Callcenter-Multi Teleperformance. Dass sein Gehalt viel niedriger ist als in anderen Ländern, weiß er. "Ich hätte auswandern können, doch mein Platz ist in Albanien", sagt er. Viele sehen es anders. "Ich kenne etliche, die sich mit der Arbeit in den Callcentern das Geld für das Medizinstudium oder die Ausbildung zur Krankenschwester verdienen und dann etwa nach Deutschland auswandern. Und von denjenigen, die dies schon getan haben, hat es niemand bereut."

Ende 2019 schätzte das Statistikamt die Zahl der Einwohner Albaniens auf 2,86 Millionen - und die der im Ausland lebenden Albaner auf 1,64 Millionen. Als ein Textilunternehmer in der Stadt Shkodra am 31. März bei Rama den Mangel an Arbeitskräften beklagte, empfahl ihm der Ministerpräsident, Afghanen oder Menschen aus Bangladesch einzufliegen. Dass diese kein Albanisch sprächen, sei von Vorteil, sagte er: "Sobald sie Albanisch lernen, fangen sie an, sich zu verändern", sie würden sich dann für Politik und Demokratie interessieren, und er machte deutlich, dass er das eher für schädlich halte.

Auch Tahir Murati hat mit seiner Frau Deshira und den drei Kindern versucht, Albanien zu verlassen: Im Sommer 2015 fuhr die Familie mit der Fähre nach Italien und per Zug weiter nach München, Frankfurt, Gießen. Doch Ende 2015 wurden die Muratis in ein Flugzeug nach Tirana gesetzt und abgeschoben. Ihre Heimat Laç ist eine wirtschaftliche Krisenzone, wie viele Gegenden in Albanien. Seitdem 2000 das Metall- und Chemiekombinat schloss, in dem unter Diktator Enver Hodscha Tausende Menschen arbeiteten, hat sich der Ort nicht mehr erholt.

Familie Murati wäre schon froh, wenn sie ein sicheres Dach über dem Kopf hätte

Die Familie Murati überlebt mit einer staatlichen Beihilfe von knapp 50 Euro monatlich, mit Gelegenheitsjobs und der Zucht von Obstbäumen, die sie in Töpfen im Garten heranziehen. Vier Jahre dauert es, bis so ein Bäumchen groß genug ist, höchstens fünf Euro bringt es ein. Und wie Tausende andere Albaner wären die Muratis schon froh, wenn sie wenigstens ein sicheres Dach über dem Kopf hätten. Ihr einstöckiges Ziegelsteinhaus wurde bei dem Erdbeben stark beschädigt, in allen Zimmern klaffen Löcher in der Decke. Staatliche Ingenieure erklärten das Haus für unbewohnbar.

Sie wohnen seither in einem Zelt im Garten. Im Winter heizen sie es notdürftig mit zwei strombetriebenen Heizlüftern. Auf den versprochenen Wiederaufbau ihres Hauses warten die Muratis bis heute.

Will zum dritten Mal gewählt werden: Albaniens Ministerpräsident Edi Rama bei einem Wahlkampfauftritt in Elbasan.

(Foto: Stringer/AFP)

Am Sonntag will das Ehepaar Murati nicht mehr Ramas nominell Sozialistische Partei wählen, sondern die oppositionelle, konservative Demokratische Partei. Auch die DP wird von einem Altbekannten der albanischen Politik geführt: Ihr Chef Lulzim Basha war früher Transportminister und bis 2015 Bürgermeister von Tirana. Und wie andere führende Politiker war er schon in einen Skandal verwickelt, wegen mutmaßlicher millionenschwerer Unregelmäßigkeiten beim Autobahnbau. Folgen hatte dies für Basha ebenso wenig wie Skandale anderer Politiker.

Während EU-Vizepräsident Josep Borrell EU-Kandidat Albanien unter Ministerpräsident Rama zuletzt am 1. März als "Musterbeispiel für die Region" lobte, sehen unabhängige Beobachter das Land im Rückschritt und betrachten die offizielle Haltung der EU als "Hilfe für die Autokraten der Region", wie Gjergji Vurmo vom Institut für Demokratie und Vermittlung (IDM) in Tirana sagt.

Ende März legten das IDM und die Antikorruptionsorganisation Transparency International einen Report über Albaniens "State Capture" vor: ein Zustand, bei dem sich Politiker, mit ihnen verbundene Oligarchen und das organisierte Verbrechen durch manipulierte Ausschreibungen und andere Rechtsverstöße das Geld der Steuerzahler zuschieben, während eine korrupte Justiz selbst die schlimmsten Skandale unbestraft lässt. Das Fazit: Albanien ist zurückgefallen. Unter dem autokratisch regierenden Rama hat "die Partnerschaft zwischen Politik, Geschäft und organisiertem Verbrechen ihren Höhepunkt erreicht".

Saimir Tahiri etwa arbeitete Staatsanwälten zufolge 2017 als Innenminister mit der Drogenmafia zusammen; laut abgehörten Gesprächen wurde eine Beteiligung des Ministers und seiner Familie von 30 Prozent an den Einkünften des Drogenhandels diskutiert. Doch ein Gericht sprach Tahiri von einer entsprechenden Anklage frei; ein Schuldspruch wegen Amtsmissbrauchs wurde aufgehoben. Auch ein Skandal um massive Fälschungen der letzten Parlamentswahl 2017 durch hohe Vertreter der Rama-Partei blieb ohne greifbare Folgen.

Kurz vor der Wahl am Sonntag folgte ein weiterer Skandal: Dem Investigativdienst Lapsi zufolge sollen die regierenden Sozialisten staatliche Datenbanken missbraucht haben: 910 000 Wahlberechtigte in Tirana wurden demnach samt Telefonnummer, Ausweisnummer, Arbeitsplatz, ihrem vergangenen Wahlverhalten, persönlichen Informationen erfasst. Staatsanwälte begannen mit Ermittlungen, durchsuchten aber nicht etwa Parteizentralen, sondern luden die berichtenden Journalisten zum Verhör vor.

© SZ
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