Süddeutsche Zeitung

Al-Shabaab-Miliz:Somalischer Terror-Treibstoff

Wasserpfeife rauchen und damit Islamisten unterstützen: Die somalische Al-Shabaab-Miliz verdient Millionen mit dem Holzkohle-Export. Offenbar mischt auch Kenias Armee mit - und finanziert so möglicherweise indirekt Terroranschläge im eigenen Land.

Kaum ein Stoff ist so heiß begehrt unter Rauchern in den arabischen Golfstaaten. Pechschwarz, höchste Reinheit, lange Brenndauer: Solche Qualität gibt es nur aus Somalia. Und deswegen kostet die Kohle aus ostafrikanischem Akazienholz, die in den Wasserpfeifen glimmt, mehr als eineinhalbmal so viel wie die eher mittelmäßige Ware etwa aus dem Sudan.

Nur wenige der Shisha-Raucher dürften zwischen ihren genüsslichen Zügen einen Gedanken daran verschwenden, was genau da unter ihrem Apfel- oder Pfirsichtabak glüht: ein Konfliktstoff, der Tausende Kilometer weiter südlich, jenseits des Golfs von Aden, einer Islamistenarmee am Horn von Afrika seit Jahren ihren Kampf finanziert.

Holzkohle ist nach wie vor eine der wichtigsten Einnahmequellen für die somalische Al-Shabaab-Miliz, die mit dem globalen Terrornetzwerk al-Qaida verbündet ist. Allen Gegenmaßnahmen der internationalen Gemeinschaft zum Trotz.

Die Miliz verdient am Kohlehandel, indem sie Steuern bei den Produzenten eintreibt

Vor zwei Jahren verboten die Vereinten Nationen den Export von Holzkohle aus Somalia, in der Hoffnung, dadurch den Rebellen einen Geldhahn abzudrehen. Doch die Sanktionsdrohungen haben bislang wenig Wirkung gezeigt: Der Stoff wird weiter im großen Stil über den Golf von Aden verschifft, oft in den für die Region typischen kleinen, Dhow-Segelschiffen, und in die Golfstaaten offenbar recht reibungslos mit falschen Papieren eingeführt. Einem neuen Bericht der UN-Beobachtergruppe für Somalia und Eritrea zufolge sind die Einnahmen von al-Shabaab aus dem Holzkohlehandel seit Inkrafttreten des Embargos 2012 sogar gestiegen: Ware für mindestens 250 Millionen Dollar wurde seither auf die arabische Halbinsel verschifft. Etwa ein Drittel davon dürfte al-Shabaab kassieren, indem die Gruppe "Steuern" bei Produzenten und Zwischenhändlern erhebt. Das ist die konservative Schätzung; die Verfasser des UN-Berichts räumen ein, es könnte in Wahrheit "wesentlich mehr sein", da man sicher bei Weitem nicht alle Transporte aufgespürt habe.

Der UN-Sicherheitsrat hat daraufhin im Oktober verstärkte Kontrollen von Schiffen auf dem Meer vor Somalia beschlossen, um das geltende Embargo für Waffen und Holzkohle "strikt" durchzusetzen. David Pressman, stellvertretender US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, erklärte, der Beschluss ziele auf einige der "schwerwiegendsten Ursachen für Instabilität und Unsicherheit in Somalia".

Das Land am Horn von Afrika ist bis heute eine Staatsruine: 1991 stürzten Rebellen den Diktator Siad Barre, und seither kämpfen Warlords verschiedenster Couleur unerbittlich um die Macht im Lande - und um das wirtschaftliche Potenzial der Region. Die international am meisten gefürchtete Rebellengruppe ist al-Shabaab: Zwar haben Truppen der UN-gestützten Zentralregierung die Islamisten gemeinsam mit Einheiten aus anderen afrikanischen Staaten 2011 aus der Hauptstadt vertrieben, dennoch kontrollieren sie noch immer weite Teile des Landes, vor allem in der Mitte und im Süden.

Kenias Armee könnte indirekt den Feind finanzieren

Dort stoßen sie auf Truppen aus anderen ostafrikanischen Ländern, aus Burundi, Äthiopien oder Uganda, die im Auftrag der Afrikanischen Union das Land von den islamistischen Rebellen befreien und dafür sorgen sollen, dass die Zentralregierung auch außerhalb der Hauptstadt Mogadischu Einfluss gewinnt. Seit Bewaffnete aus Somalia 2011 im benachbarten Kenia mehrere europäische Touristen als Geiseln genommen hatten, ist auch die kenianische Armee in das Nachbarland einmarschiert. Und hat seither einige Erfolge im Kampf gegen al-Shabaab verzeichnet. Einer der spektakulärsten: die Übernahme der südlichen Hafenstadt Kismayo, seit vielen Jahren Hauptumschlagsplatz für Holzkohle-Exporte in die Golfstaaten. Die "Operation Vorschlaghammer" der Kenianer trieb die schwer bewaffneten Islamisten Ende September 2012 dazu, sich aus der Hafenstadt zurückzuziehen. Seither ist Kismayo offiziell unter der Kontrolle der kenianischen Armee. Und al-Shabaab hat Kenia den Krieg erklärt und überzieht das Land als Rache für die Invasion mit Anschlägen. Der aufsehenerregendste war die Attacke auf das Westgate-Einkaufszentrum in Nairobi im September 2013, bei der 67 Menschen starben.

Unterdessen sind die Gewinne al-Shabaabs aus dem Holzkohlehandel weiter gestiegen, sagen die UN-Beobachter. Der Großteil des Handels läuft nach wie vor über den Hafen von Kismayo. Al-Shabaab profitiere inzwischen "in höherem Maße" vom Holzkohlehandel als früher, als die Miliz Kismayo noch kontrollierte.

Wie kann das sein? In ihrem jüngsten Bericht erhebt die UN-Beobachtergruppe ungewöhnlich scharfe Vorwürfe gegen die Kenianer: Ihre Recherchen hätten ergeben, dass Vertreter der kenianischen Armee im Holzkohlegeschäft gemeinsame Sache mit al-Shabaab machen. Das bestätigten mehrere Quellen, die sich nur in den Angaben zur prozentualen Aufteilung der Umsätze widersprachen. Einigen Informanten der UN-Beobachter zufolge werden die Gewinne aus dem Hafen von Kismayo "zu je 33 Prozent" aufgeteilt: zwischen al-Shabaab, der Regionalregierung und der kenianischen Armee. Andere sagen, al-Shabaab und die Regionalregierung kassierten je 40 Prozent, die Kenianer nur 20 Prozent.

So oder so: Die Vorwürfe decken sich im Kern mit denen, die etwa das US-amerikanische Institute for Defense Analysis (IDA) im Juli dieses Jahres erhoben hatte. Kenia, offiziell Unterstützer der somalischen Regierung, sei zugleich "Mittäter bei der Unterstützung von Handel, der al-Shabaab Einnahmen beschert - dem militärischen Gegner sowohl innerhalb von Somalia als auch, immer stärker, zu Hause in Kenia." Der Verfasser des IDA-Reports, der frühere US-Botschafter in Namibia, George Ward, zog denn auch das Fazit, es sei "keine Übertreibung" zu sagen, dass das Geld, das für Terroranschläge in Nairobi und Mombasa eingesetzt wird, teilweise unter "Einwilligung oder sogar Mitwirkung der kenianischen Armee" gewonnen werden.

Kenias Armee, die mehrfach bestritten hat, an Schwarzmarkt-Geschäften in Somalia beteiligt zu sein, reagiert auf Presseanfragen zum Thema Holzkohle mit Schweigen. Die UN-Beobachtergruppe selbst beklagt, dass ihre Nachforschungen regelmäßig von verschiedenen Seiten gestört würden: "Insbesondere", so heißt es in deren Report, "hat die kenianische Regierung verhindert, dass einer der Experten der Gruppe auf seinem Posten in Nairobi bleibt."

In weniger als 20 Jahren könnte die Kohleproduktion Somalia zur Wüste machen

Die Vorwürfe zeigen vor allem eines: Mindestens ebenso sehr wie religiöse Ideologie sind handfeste wirtschaftliche Interessen die treibende Kraft hinter dem Terrorismus in Ostafrika - und je gewinnträchtiger das jeweilige Geschäft, umso flexibler die Loyalitäten der unterschiedlichen Akteure.

Neben dem Sicherheitsproblem, das der Holzkohlehandel in der Region befeuert, bildet er auch ein wachsendes ökologisches Problem für das ohnehin regelmäßig von Dürren heimgesuchte Somalia: Wissenschaftler der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission haben untersucht, wie stark der von al-Shabaab betriebene Raubbau die somalischen Akazienbestände bereits dezimiert hat. Da Forschungsreisen durch Somalia nach wie vor ein selbstmörderisches Unterfangen wären, nutzten sie Satellitenaufnahmen: "Einen abgeräumten Kohlemeiler kann man sich wie eine überdimensionierte verlassene Feuerstelle vorstellen", erklärt der Leiter der Studie, der Deutsche Felix Rembold, "und das ist auf hochauflösenden Satellitenbildern für ein bis zwei Jahre gut sichtbar". Anhand der so beobachteten Feuerstellen haben Rembold und seine Kollegen die Menge der hergestellten Kohle und der dafür abgeholzten Bäume abgeschätzt. Das Ergebnis: "Die übertriebene Holzkohleproduktion, wie wir sie in den letzten drei Jahren beobachtet haben, kann weite Gebiete des Landes in weniger als 20 Jahren in eine Wüste verwandeln."

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SZ vom 06.11.2014/jasch
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