Islam:Die radikale Stimme aus Katar

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Islam: Yusuf al-Qaradawi bei einer Konferenz der Muslimbruderschaft 2014 in Katar

Yusuf al-Qaradawi bei einer Konferenz der Muslimbruderschaft 2014 in Katar

(Foto: Mohamad Dabbouss/Reuters)

Mit dem arabischen Frühling wurde Yusuf al-Qaradawi zu einem der wichtigsten Gelehrten der islamischen Welt. Am Montag ist der Vordenker der Muslimbrüderbewegung mit 96 Jahren gestorben. Er hinterlässt ein zwiespältiges Erbe.

Von Mirco Keilberth, Tunis

Theologe, Vordenker, Popstar der Gläubigen. Die vielen Bezeichnungen für Yusuf al-Qaradawi in arabischen Medien nach seinem Tod zeigen, wie viele Rollen der TV-Theologe im Laufe seines Lebens innehatte. Alles begann mit seinem Widerstand gegen das ägyptische Regime von Gamal Abdel Nasser. Schon als junger Mann war er wegen seiner Predigten immer wieder verhaftet worden, 2013 ging er schließlich ins Exil nach Katar. Ein ägyptisches Gericht verurteilte ihn in Abwesenheit zum Tode. Doch mit den aufkommenden islamistischen Bewegungen und dank des katarischen Nachrichtensender Al Jazeera folgte ihm jede Woche ein Millionenpublikum. "Die Scharia und das Leben", hieß seine Sendung, in der es sowohl um Fragen des Alltags als auch um große Politik ging. "Al-Qaradawi war die Stimme des politischen Islam. Seine Fatwas waren nie rein religiöser Natur, sondern entsprachen den Interessen Katars und dienten der Positionierung der Muslimbrüder", sagt der libysche Journalist Ahmed Elumami. Kurz vor dem Aufstand gegen Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi drehten die Behörden kurzerhand das Stromnetz ab, wenn al-Qaradawi auf Sendung ging.

Die Regime Nordafrikas und des Mittleren Ostens sahen in Muslimbrüdern wie al-Qaradawi die größte Gefahr für ihre Macht. Gaddafi, Ben Ali in Tunesien und Baschar al-Assad in Syrien unterdrückten mit aller Gewalt die schleichende Reislamisierung der Bevölkerung, die von Al Jazeera und anderen Satellitensendern aus den Golfstaaten propagiert wurde. Al-Qaradawi nutzte seine Show, um für seine Idee eines arabischen Großreiches zu werben, das von Marokko bis in den Irak reichen sollte. Natürlich als Theokratie, ähnlich wie es auch die Ideologen des Islamischen Staates anstrebten. Gegen Homosexualität wetterte er ausgiebig, gegen Genitalverstümmelung hingegen nicht. Sein konservatives Weltbild wurde mit Al Jazeera Mainstream für Millionen - es beinhaltete den Gehorsam von Ehefrauen gegenüber ihren Männern, denen er Fremdgehen explizit erlaubte.

Per Fatwa für Terror gegen Israel

Doch al-Qaradawis Anhänger verweisen auf seine klare Ablehnung der von Al-Qaida und dem Islamischen Staat propagierten Gewalt gegen Zivilisten. Selbstmordattentate gegen Israel legitimierte er hingegen per Fatwa. Zusammen mit 50 Gelehrten aus der Region führte der Ägypter die "Union der muslimischen Rechtsgelehrten" an, die dem Staat Israel die Existenzberechtigung absprach. Al-Qaradawis Befürwortung des Holocausts und Hassreden gegen die Königshäuser der Golfstaaten führten sogar zur politischen Isolierung Katars. Seit 2017 galt al-Qaradawi in seiner Heimat, aber auch in Bahrein, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, als Terrorpate. "Terror, Besatzung und Widerstand" waren die Fragen, auf die al-Qaradawi eine Antwort finden wollte. Und er meinte damit die Verbrechen der Kolonialmächte und Israels. Innerhalb der Muslimischen Welt war er offen, als Vorsitzender der Gelehrten-Initiative arbeitete er mit Schiiten, Sunniten und Ibaditen. Doch nach den von Katar medial und mit Waffen unterstützten Aufständen gegen Muammar al-Gaddafi und Bashar Assad übernahmen radikalere Gruppen die Meinungshoheit in der Region.

Mit dem Tod von al-Qaradawi endet eine Ära. "Anhänger des ehemaligen Regimes feiern seinen Tod, Islamisten trauern und Salafisten haben gemischte Gefühle", so beschreibt der Journalist Ahmed Elumami die Reaktionen in Libyen auf al-Qaradawis Tod. "Die Salafisten beherrschen den religiösen Diskurs und lehnen die von den Muslimbrüdern betriebene Politisierung der Religion ab."

Viele junge Menschen in der Region kennen al-Qaradawi nicht, doch lehnen den Muslimbrüdern nahestehende Parteien wie die Ennahda in Tunesien ab. Deren Funktionäre hatten mindestens 6000 junge Männer in den Kampf nach Libyen und Syrien geschickt, begleitet von heroischer Berichterstattung auf Al Jazeera.

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