bedeckt München 12°

Al-Qaida nach Osama bin Laden:Auferstanden unter schwarzer Flagge

Al-Qaida wird jetzt gefährlicher denn je, warnt ein Terror-Experte: Nach dem Tod von Osama bin Laden haben sich die Filialen des Terrornetzwerks selbständig gemacht und ihren Einfluss in Arabien und Afrika ausgeweitet.

Frederik Obermaier

Die schwarze Flagge ist der Beweis, dass al-Qaida es geschafft hat: "Es gibt keinen Gott außer Allah" steht in arabischer Schrift darauf. Wo sie gehisst wird, haben die Islamisten meist die Kontrolle übernommen. Vor wenigen Tagen war dies in der südjemenitischen Stadt Dschaar der Fall. Guido Steinberg, Terror-Experte bei der Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP), sieht darin "ein klares Zeichen des Wiedererstarkens" von al-Qaida.

Dabei hatten viele Beobachter die Terrorgruppe schon angezählt. Die Zeiten, als Osama bin Laden, das Maschinengewehr in der Hand, die Al-Qaida-Flagge im Hintergrund, per Videobotschaft zum Heiligen Krieg aufrief und wenig später Flugzeuge in Hochhäuser rasten und Bomben vor Synagogen explodierten, schienen Vergangenheit zu sein.

Bin Laden ist tot und seinem Nachfolger Aiman al-Zawahiri fehlt das Charisma, um weltweit Islamisten hinter sich zu scharen: "Bin Laden wurde geliebt, Zawahiri wird bestenfalls respektiert", sagt Steinberg. Der ursprüngliche Kern von al-Qaida, die sogenannte "Bin-Laden-Gruppe" in Afghanistan und Pakistan, habe entsprechend an Einfluss verloren. "Die haben Probleme, überhaupt zu überleben."

Die früheren Filialen haben sich selbständig gemacht, neue Gruppen entstanden, neue Kooperationen sind geschlossen. "Jetzt wird al-Qaida gefährlicher denn je", sagt der amerikanische Terror-Experte Bruce Hoffman. Die größte Bedrohung geht nicht mehr von den Männern am Hindukusch aus, sondern von einem Terrornetz, das sich in Arabien und weiten Teilen Afrikas ausbreitet. Ihr Ziel ist ein islamischer Gottesstaat, ihre Waffe die Angst - ein Überblick.

[] Arabische Halbinsel

Die einflussreichste Terror-Zelle ist vergleichsweise jung: Erst 2009 schlossen sich saudische Dschihadisten und jemenitische Afghanistan-Veteranen zur al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (Aqap) zusammen. Die Gruppe avancierte schnell zum Prototypen der modernen al-Qaida: die Generation Facebook. Terroraufträge verschicken die Aqap-Leute per Mail, über Anschlagspläne wird im Internet diskutiert und für den Nachwuchs gibt es Inspire: ein englisches Hochglanzmagazin, das online heruntergeladen werden kann.

Es liefert Anleitungen zum Bau einer "Bombe in der Küche deiner Mutti" sowie zur "ultimativen Mähmaschine" - einem Jeep, an dem in Hüfthöhe Messer angebracht sind. Für Experten ist es die Verwirklichung des "führerlosen Dschihad": Ein Mann und sein Wille ist demnach völlig ausreichend, das nötige Wissen liefert Aqap.

So haben Jemens Islamisten den "Unterhosenbomber" Umar Farouk Abdulmutallab instruiert, ebenso wie den Selbstmordattentäter, der versuchte, den saudischen Terrorabwehr-Chef mit einer im Rektum versteckten Bombe zu töten. Wer Aqap derzeit leitet, ist nicht bekannt. Seit Anfang 2011 treten Jemens Islamisten ohnehin vermehrt unter dem Namen Ansar al-Scharia, Partisanen der Scharia, auf. Einige Beobachter gehen von einer Abspaltung aus, ein arabischer Diplomat wiederum vermutet eine reine "Maßnahme zur Imageverbesserung".

Im Süden Jemens nutzte Ansar al-Scharia die Unruhen, die letztendlich zum Sturz von Langzeit-Präsident Ali Abdullah Saleh führten, um mehrere Städte zu erobern. Beobachter sprechen bereits von einem talibanartigen Miniaturstaat, der dort entsteht. In den vergangenen Tagen flog das US-Militär zahlreiche Angriffe auf Stellungen der Islamisten, mindestens 70 Extremisten sollen getötet worden sein. Jemenitische Sicherheitskräfte nahmen unterdessen vier Somalier fest. Sie gelten als letzter Beweis für die lange vermutete Kooperation von Aqap und der Al-Qaida-Gruppe auf der anderen Seite des Golfs von Aden.

[] Somalia

Die Harakat al-Schabaab al-Mudschaheddin, besser bekannt als Schabaab ("die Jugend"), sind seit Februar offizieller Teil des Al-Qaida-Netzwerks. "Im Namen der Soldaten und Kommandeure von Schabaab verpflichte ich mich zur Loyalität", erklärte Milizenchef Mukhtar Abu Zubair in einer Videobotschaft an Bin-Laden-Nachfolger Zawahiri. Die Schabaab waren ursprünglich Teil der Union der Islamischen Gerichte (UIC), die 2006 in Somalia faktisch die Regierungsgewalt übernommen hatte.

Als äthiopische Soldaten die UIC nach wenigen Wochen wieder vertrieben, ging Schabaab in den Untergrund - und riss die Kontrolle über weite Teile des Landes an sich. Das Geld für den Heiligen Krieg kommt aus Transportgebühren, dem Handel mit Holzkohle, Zuwendungen aus Eritrea sowie durch Erpressungen. Die Schabaab kommt damit auf Einnahmen von 70 bis 100 Millionen Dollar pro Jahr, schätzen die UN. Die Kämpfer stammen längst nicht mehr nur aus Afrika. So trafen etwa 2011 zwölf Islamisten aus Deutschland bei der Schabaab ein.

Auch das Kampfgebiet beschränkt sich nicht mehr auf Somalia. 300 Milizionäre verstärken in Jemen angeblich bereits die Aqap. Der jüngste Anschlag auf eine Busstation in der kenianischen Hauptstadt Nairobi soll auf das Konto der radikal-islamischen Somalier gehen. Von einem regelrechten Kooperationsvertrag zwischen Schabaab, al-Qaida im islamischen Maghreb (Aqim) und der Sekte Boko Haram spricht das US-Militär.

[] Nigeria

Boko Haram überzieht Nigeria seit Monaten mit Anschlägen. Vor allem im muslimisch dominierten Norden tobt der Krieg zwischen Boko Haram und den nigerianischen Sicherheitskräften. Ihre Waffen bekommt die Gruppe, deren Name so viel bedeutet wie "Westliche Bildung ist eine Sünde", von al-Qaida im islamischen Maghreb (Aqim). So jedenfalls erklären es hochrangige Aqim-Mitglieder. Ob Boko Haram al-Qaida auch formell beigetreten ist, sei daher nebensächlich, sagt Terror-Experte Bruce Hoffman. "Sie haben dieselbe Ideologie wie al-Qaida, bekommen Unterstützung von al-Qaida, faktisch gehören sie also eh schon dazu."

[] Maghreb

Als die Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf 2007 sich in al-Qaida im islamischen Maghreb (Aqim) umtaufte, war dies eine klare Botschaft: Die Islamisten sahen nicht mehr nur Algerien als ihr Revier, sondern auch die Nachbarländer. Mittlerweile operieren die Aqim-Kämpfer in einem Gebiet fast so groß wie Europa: in der Sahelzone Algeriens, Malis und Mauretaniens sowie in Teilen des Tschad und Libyens.

Aus den Beständen der geschlagenen Gaddafi-Truppen versorgten sich die Aqim-Kämpfer mit modernen Waffen, sogar von Boden-Luft-Raketen ist die Rede. Ihr Geld verdienen die etwa 400 Islamisten nach Meinung von Experten durch Drogenschmuggel und Entführungen. Zuletzt verschleppten sie im Norden Malis mehrere Touristen und töteten einen Deutschen.

[] Irak

Al-Qaida hat sich an Euphrat und Tigris nach ihrem Ziel benannt: Islamischer Staat Irak. Auch nach dem Abzug der amerikanischen Soldaten ist dieser in weiter Ferne, der Kampf der 2006 unter diesem Namen vereinigten Al-Qaida-Gruppen geht weiter. Erst Anfang März wurden bei einem Doppelanschlag 13 Menschen in den Tod gerissen. Das "Kriegsministerium" der Terrorgruppe ruft regelmäßig zum Kampf gegen die "Regierung der Safawiden" auf - die Islamisten spielen damit auf eine iranische Dynastie aus dem 17. Jahrhundert an. So wie sie einst Irak beherrschte, besetze Iran derzeit ihr Land.

Der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki glaubt, dass al-Qaida derzeit vermehrt nach Syrien einsickere. Der syrische Machthaber Baschar al-Assad spricht von Kontakten der Islamisten zur Opposition. Es könnte Propaganda sein, andererseits hatte ein amerikanischer Geheimdienstler bestätigt: Die USA gehen davon aus, "dass al-Qaida aus dem Irak seinen Einfluss nach Syrien ausdehnt". Al-Qaida-Chef al-Zawahiri hatte zuvor die Muslime zum Widerstand gegen Assad aufgerufen: "Wenn wir Freiheit wollen, müssen wir dieses Regime loswerden."

Es ist der durchschaubare Versuch, doch noch am arabischen Frühling teilzuhaben. Und er könnte durchaus erfolgreich sein - dann nämlich, wenn der demokratische Wandel ins Stocken gerät, glaubt Terror-Experte Hoffman. "Wenn den jungen Hitzköpfen alles zu langsam vorwärts geht, suchen sie ihr Glück womöglich bei al-Qaida."

© SZ vom 14.03.2012/mkoh
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema