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Al-Qaida:Empfehlungsschreiben fürs Terrorcamp

Werbung im Westen: Mit professioneller Rekrutierung lotst al-Qaida immer mehr Europäer nach Pakistan in Ausbildungslager - darunter auch 30 Deutsche.

"Wenn ich ein junger Muslim wäre, fände ich sie sehr überzeugend." So urteilt der Niederländer Ronald Sandee, Mitglied der Nefa Foundation, einer US-Organisation, die Terroristennetzwerke überwacht. Und tatsächlich: Die Begeisterung junger Europäer für den Dschihad scheint zuzunehmen.

Die Rekrutierungsmaßnahmen der islamischen Fundamentalisten scheint zu funktionieren. "Sie leisten sehr gute Arbeit, indem sie jede Woche ein neues Video publizieren", sagt Sandee. Vor allem in Deutschland scheint die Werbung zu ziehen.

Mindestens 30 Islamisten aus der Bundesrepublik haben laut einem Bericht der Washington Post in diesem Jahr paramilitärische Trainingslager in Pakistan besucht. Die Zeitung beruft sich dabei auf deutsche Sicherheitskreise.

Die Zeitung berichtet weiter, dass etwa zehn von ihnen nach Deutschland zurückgekehrt seien. Das erhöhe die Sorge vor neuen Anschlagsplänen gegen Ziele in Europa. "Das reicht aus, um zu zeigen, wie ernst die Bedrohung ist", zitierte die Zeitung einen ranghohen deutschen Antiterrorexperten.

Erst in der vergangenen Woche hatten deutsche Behörden von einer zehnköpfigen Zelle aus Hamburg berichtet, die sich Anfang des Jahres nach Pakistan aufgemacht hatte. Nach einem Bericht der ARD-Sendung "Report Mainz" sollen die Mitglieder im März in einer konspirativen Aktion zur Terrorausbildung an den Hindukusch gereist sein. Zwei von ihnen seien inzwischen zurückgekehrt.

Während Staaten wie Großbritannien das Problem der "homegrown terrorists" schon seit längerem kennen und erfolgreich bekämpfen, haben neben Deutschland auch andere europäische Staaten damit ein wachsendes Problem.

Im August verhafteten pakistanische Sicherheitskräfte zwölf Ausländer, die auf dem Weg nach Nord-Waziristan waren - eine Gegend, in der viele Terrorcamps vermutet werden. In dieser Gruppe waren vier Schweden; zudem müssen sich dDrei belgische und ein französischer Staatsbürger in ihren Heimatländern vor Gericht verantworten. Sie waren nach ihrer Rückkehr aus einem Ausbildungslager verhaftet worden. Sie stritten zwar ab, an Plänen für terroristische Akte beteiligt gewesen zu sein, ein Angeklagter räumte aber ein, in Waziristan eine Sprengstoff-Ausbildung erhalten zu haben.

Dem Bericht zufolge nimmt die Zahl westlicher Rekruten auch aus den USA in den Ausbildungslagern für Islamisten zu. Obwohl der US-Geheimdienst CIA im vergangenen Jahr verstärkt Raketenangriffe mit unbemannten Flugzeugen auf Al-Qaida- und Taliban-Kommandeure geflogen habe, halte der Zulauf zu den Ausbildungslagern unvermindert an, wie Antiterrorexperten aus Europa und den USA bestätigten.

Mit ein Grund: das professionalisierte Rekrutierungssystem. Während sich freiwillige Dschihadisten noch vor wenigen Jahren auf eigene Faust auf den Weg machen mussten, um in die entsprechenden Gebiete vorzudringen und in die Ausbildungslager zu kommen, finden sich heute weitreichende Agenten-Netzwerke in ganz Europa. Sie versorgen die Terroristen in spe mit Beratung, Geld, Reiserouten sowie sogar Empfehlungsschreiben, die den Zugang zu den Terrorcamps vereinfachen.

Diese Rekrutierungssysteme ausfindig zu machen, fällt in Deutschland allerdings schwer. "In Deutschland gibt es keine einheitliche Struktur bei der Rekrutierung, sondern eine große Vielfalt", zitiert die Washington Post einen deutschen Beamten. So wird es zunehmend schwerer, die Arbeit der Rekrutierer zu stören.

180 Islamisten aus Deutschland wurden in Camps ausgebildet

Nach der Veröffentlichung mehrerer islamistischer Droh- und Propagandavideos vor der Bundestagswahl waren die deutschen Sicherheitskräfte in den vergangenen Wochen in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt worden. In einem Internetvideo drohten die Taliban der Bundesrepublik wegen des Einsatzes deutscher Soldaten in Afghanistan mit Vergeltung. Dazu wurden Fotos vom Brandenburger Tor, dem Hamburger Hauptbahnhof, dem Kölner Dom, der Frankfurter Skyline und auch vom Oktoberfest eingeblendet.

Vergangene Woche gab das Bundeskriminalamt (BKA) bekannt, dass insgesamt rund 180 Islamisten aus Deutschland inzwischen eine paramilitärische Ausbildung in einem Terrorcamp am Hindukusch absolviert oder eine solche Ausbildung planen würden. Knapp die Hälfte dieser "Personen mit Deutschlandbezug", nämlich rund 80, sind nach diesen Informationen wieder in der Bundesrepublik, wie ein BKA-Sprecher sagte.

© AFP/AP/gba/mati

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