Aktuelles Lexikon Zeitrechnung

Jogi Löw verspricht eine neue Zeitrechnung. Nur: welche?

Von Matthias Drobinski

Auf einem Feld in Schottland entdeckten vor ein paar Jahren Forscher den bislang ältesten Kalender der Welt: Löcher, in die man einen Holzpfahl stecken konnte, wenn eine neue Mondphase begann, gegraben vor ungefähr 10 000 Jahren. Sehr früh also teilten die Menschen die Zeit in Phasen ein, nach dem Lauf der Sonne und des Mondes, im Wechsel der Jahreszeiten; der chinesische Kalender ist gut 4000 Jahre alt. Die Zeitrechnung war immer auch Selbstdefinition. Der römische Kalender beginnt mit der Gründung Roms, der jüdische bei der Erschaffung der Welt, der islamische startet mit der Flucht Mohammeds nach Medina. Nach christlichem Verständnis wiederum scheidet die Geburt Jesu die Weltgeschichte in ein Vorher und ein Nachher. Wenn nun Bundestrainer Joachim Löw eine "neue Zeitrechnung" für die Fußball-Nationalmannschaft ausruft, nachdem er Thomas Müller, Jérôme Boateng und Mats Hummels aus dem Kader sortiert hat, dann wird nicht ganz klar, welchem Modell er dabei folgt. Geht es um die Neuerschaffung der Welt, um eine glückliche Flucht - oder um die Hoffnung, dass man einst die Zeit einteilen wird in vor Löw und nach Löw? Vielleicht aber gilt schlicht die Praxis vieler früher Kulturen: Dort begann eine neue Zeitrechnung, wenn ein neuer Herrscher kam. Sie endete, wenn er abtrat.