Aktuelles Lexikon Schloss Bellevue

Wie der Bundespräsident ein Schloss bekam, das die Berliner als Mischung aus Filmstar-Sanatorium und Eisdiele verspotteten.

Von Joachim Käppner

Im späten Barock schätzten Schlossherren die schöne Aussicht - und nichts anderes bedeutet das französische Wort "bellevue". Von Schloss Bellevue aus, wo heute der Bundespräsident residiert, blickt man in eine grüne Parklandschaft, und kaum anders war es 1785, als Ferdinand II. von Preußen, Bruder König Friedrichs II., das Anwesen im frühklassizistischen Stil errichten ließ. Trotz des schönen Namens hält es einen Vergleich mit französischen Prachtschlössern schwerlich aus. Im Zweiten Weltkrieg wurde es durch Bomben getroffen, aber anschließend wieder aufgebaut, wenn auch unter solcher Missachtung der historischen Substanz, dass es in den Fünfzigerjahren als "Mischung aus Filmstar-Sanatorium und Eisdiele" Gegenstand des gefürchteten Berliner Spotts war. Aus alter Zeit blieb lediglich der große Ballsaal. Von 1949 an war Bonn Regierungssitz der Bundesrepublik, dort diente die Villa Hammerschmidt als erster Amtssitz des Bundespräsidenten. Schloss Bellevue war indessen Sitz Nummer zwei - als demonstratives Bekenntnis zur deutschen Einheit. Als diese erreicht war, zog Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1994 nach Berlin um, einige Jahre vor der Regierung. An diesem Donnerstag fand im Park des Schlosses ein Fest zu Ehren des 70. Jahrestages des Grundgesetzes statt.