Aktuelles Lexikon:Ochs vor dem Berg

So malerisch der Ausdruck ist: Nutztieren wird mit dieser alten Redewendung Unrecht getan.

Von Marc Hoch

Bockmist, Neidhammel, unter aller Sau: Nutztiere haben semantisch keinen hohen Stellenwert. Es gibt viele Ausdrücke rund um "Rindvieh", die mit einem ehrabschneidenden Wortsinn gebraucht werden. Auch der Ochse steht in keinem guten Ansehen, wie eine Wendung des Fußballtrainers Jürgen Klopp zeigt. Er habe "wie ein Ochs vor dem Berg" dagestanden, sagte er jetzt nach dem Champions-League-Spiel in Liverpool, als er auf den Handschlag des Bayern-Kollegen wartete. Die sprichwörtliche Wendung gehört linguistisch zur Gruppe der partiell motivierten Phraseologismen, das heißt ihre Bedeutung ist aus sich selbst heraus zu verstehen (anders etwa als "frech wie Oskar"). Eingesetzt als Zugtier kommt es vor, dass Ochsen vor einer Steigung stehen bleiben. Aus dieser Erfahrung speist sich der Gehalt der Wendung: überfordert zu sein, ratlos, verlegen, zaudernd. Schon seit Luthers Zeiten soll sie mit dieser Bedeutung benutzt worden sein - ebenso wie die Wendung "dastehen wie die Kuh vor dem neuen Scheunentore", die heute aber vergessen ist. Allen diesen volkstümlichen Ausdrucksweisen wohnt psychologisch das Moment inne, menschliches Verhalten zu überzeichnen, um eine Distanz zu schaffen. Dass dabei den Nutztieren Unrecht getan wird, dürfte eigentlich auf keine Kuhhaut gehen.

© SZ vom 21.02.2019
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB