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Aktuelles Lexikon:Literalität

Was die Fähigkeit, mit Texten umzugehen, für unser Leben bedeutet.

Von Josef Kelnberger

Ein guter Text, das war bis zum Mittelalter für die allermeisten Menschen vor allem: eine schöne Kopie. Eine aufwendig verzierte und üppig ausgestattete Bibel etwa. Als Einzelner Texte zu lesen und zu schreiben und mit anderen Menschen darüber kritisch zu kommunizieren, ist eine Idee der Neuzeit. Mittlerweile ist die Literalität (vom lateinischen Wort littera: der Buchstabe), also die Fähigkeit, mit Texten umzugehen, eine Grundvoraussetzung der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Denn die literale Gesellschaft hat ihr Wissen in Texten niedergelegt und baut ihre Institutionen auf Texten und Textkritik auf. Zur literalen Kompetenz gehört auch die Fähigkeit, jeweils die richtige Art von Text zu verwenden. Wer ein Bewerbungsschreiben losschickt, sollte den Chef nicht duzen, wer eine wissenschaftliche Arbeit schreibt, sollte dies nicht in Reimform tun. Die Grundlagen literaler Kompetenz sollten von Kindern so früh wie möglich erworben werden, spätestens in der Grundschule. Später wird es schwierig, Anschluss zu finden. Deshalb stimmt es bedenklich, dass einer Erhebung zufolge ("LEO 2018 - Leben mit geringer Literalität") - immer noch rund 6,2 Millionen Erwachsene in Deutschland über geringe Lese- und Schreibfähigkeiten verfügen. Fast die Hälfte von ihnen hat einen Migrationshintergrund.

© SZ vom 08.05.2019
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