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Aktuelles Lexikon:Kulaken

Warum Bauern zum Ziel der Repression unter Stalin wurden.

Von Frank Nienhuysen

Boris Johnson wollte Labour -Chef Jeremy Corbyn kritisieren und ist in seinem Drang nach scharfen Pointen beim sowjetischen Diktator Stalin fündig geworden. Labour wolle die Steuern für Wohlhabende erhöhen und zeige dabei, so der britische Premier, eine "Freude und Rachsucht auf Menschen, die seit der Verfolgung der Kulaken durch Stalin nicht zu sehen war". Doch mit Stalins Kulaken-Politik hat das alles nichts zu tun. Das russische Wort Kulak heißt "Faust", Kulaken wurden im zaristischen Russland Bauern genannt, die relativ wohlhabend waren. Lenin machte einen zunehmenden Klassengegensatz zwischen Kulaken und bäuerlichem Proletariat aus, Stalin nutzte das schwindende Ansehen dieser Gruppe brutal aus. Ende der Zwanzigerjahre galten Kulaken als Wucherer, Ausbeuter; sie gerieten ins Zentrum der Stalin'schen Sowjetpropaganda und der Repressionen. Wer aber genau ein Kulak war, wurde immer willkürlicher definiert, es reichte irgendwann, eine Magd, einen Knecht zu beschäftigen, eine Kuh zu besitzen. 1930 beschloss das Regime, das Kulakentum als Klasse zu liquidieren. Kulaken, wer auch immer so stigmatisiert war, wurden enteignet, in entlegene Lager deportiert oder als "Konterrevolutionäre" erschossen. Es folgte die wohl größte Hungersnot der sowjetichen Geschichte.

© SZ vom 07.11.2019
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