Aktuelles Lexikon Kirchenrecht

Es fehlt eine scharfe Vorschrift gegen sexuellen Missbrauch.

Von Heribert Prantl

Das Recht der römisch-katholischen Kirche, kanonisches Recht genannt, war viele Jahrhunderte lang Vorbild für das weltliche, das zivile Recht. Wer Jura studierte, lernte beide Rechte, also das weltliche und das kirchliche, und erwarb sich den Grad eines Doktors juris utriusque, also beider Rechte. "Kanonisch" kommt vom Wort Canon, was so viel wie Richtschnur bedeutet. Der Mönch Gratian hat im 12. Jahrhundert den schon damals tausendjährigen, uferlosen und widersprüchlichen Rechtsstoff zusammengefasst und geordnet. Sein Werk nannte er Concordantia discordantium canonum, also die ausgleichende Zusammenstellung des Widersprüchlichen. Daraus wurde die Sammlung des Corpus Juris Canonici, das maßgebliche katholische Gesetzbuch. Der Corpus wurde 1917 von einem neuen Gesetzbuch, dem "Codex" abgelöst. Dort stand eine scharfe Vorschrift gegen sexuellen Missbrauch, wonach beschuldigte Kleriker mit "Deposition", also mit Absetzung für immer, bestraft werden konnten. 1983, bei der Neuformulierung des Codex, fiel diese Vorschrift weg. Kirchenrechtler fordern, sie wieder einzuführen, etwa so: "Wer einen Minderjährigen durch eine unsittliche Tat verletzt, ist mit der Tatbegehung exkommuniziert." Eine solche Norm könnte am Ende der Anti-Missbrauchs-Konferenz im Vatikan stehen.