Aktuelles Lexikon Heiligenschein

Wer einen Nimbus hat, musste ihn sich verdienen.

Von Matthias Drobinski

Heinrich Bedford-Strohm hat gesagt, Greta Thunberg, die Klima-Aktivistin, sei keine Heilige, und überhaupt bekäme "keine Partei einen Heiligenschein" von der Kirche. Mit der ersten Aussage steht der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland ganz in der protestantischen Tradition, die keine Heiligenverehrung kennt. Lucas Cranach der Ältere jedoch, der Maler der Reformation, verlieh seinen Marien und Jesuskindern einen zarten Glorienschein, der anzeigte: Hier geht es nicht um gewöhnliche Menschen. Schon in der Antike stellten Künstler Götter und römische Kaiser mit einem Lichtkranz dar, lateinisch Nimbus genannt. Im zweiten Jahrhundert nach Christus kam der Heiligenschein ins Christentum; erst umleuchtete er Jesus, dann Maria, schließlich auch Päpste und Heilige. Der Nimbus ist in der darstellenden Kunst aus der Mode gekommen; deshalb fällt es nun schwer, auf den ersten Blick Heilige von Scheinheiligen zu unterscheiden, was das Leben nicht einfacher macht. Eine Greta oder Annegret Kramp-Karrenbauer heute mit Heiligenschein zu malen, würde als Ironie verstanden. Auch in der katholischen Kirche ist der Weg zur Heiligkeit übrigens weit: Man muss ein tugendhaftes Leben führen, als Märtyrer sterben oder nach dem Tod zwei Wunder bewirken. Das Klima zu retten genügt nicht.