Aktuelles Lexikon Bleierne Zeit

Friedrich Hölderlin, Margarethe von Trotta, Annegret Kramp-Karrenbauer - sie verbindet das Leiden an einer erstarrten Gegenwart.

Von Marc Hoch

Bildhafte Sprache, die die visuelle Fantasie reizt, gehörte bisher nicht zu den Stärken von Annegret Kramp-Karrenbauer. Bei ihrer Vorstellung als Kandidatin für den CDU-Vorsitz griff sie aber zumindest an einer Stelle zu einem dichterischen Wort, das sie um des Effektes willen dreimal wiederholte: "die bleierne Zeit". Diese sprichwörtliche Wendung, die spätestens seit dem 17. Jahrhundert nachweisbar ist, hat der Dichter Hölderlin in seinem Gedicht "Der Gang aufs Land" berühmt gemacht. Darin ruft er zu einem Ausflug auf, obgleich das Wetter nicht gut ist: "Trüb ists heut, es schlummern die Gäng und die Gassen und fast will / Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit." Was auf der Ebene des Konkreten wirkt wie eine meteorologische Beschreibung, ist viel mehr, denn mit seiner Metapher will Hölderlin die Erstarrung, ja den als albtraumhaft empfundenen Zustand seiner Zeit beschreiben. Bedrückung, Lähmung, Erschöpfung: Das ist der tiefere Sinn dieser Stimmungsmetapher, die durch Margarethe von Trottas preisgekrönten Film "Die bleierne Zeit" in den Achtzigerjahren noch einmal im Sprachbewusstsein verankert wurde. All diese Assoziationen will auch Kramp-Karrenbauer in Zusammenhang mit der Situation der CDU heraufbeschwören, die der Kandidatin offenbar wie Blei im Magen liegt.