Aktivistinnen"Lebensgrundlage für andere"

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Containern nicht nur um der Gerechtigkeit willen, sondern auch zum Klimaschutz: Die beiden Olchinger Studentinnen Caroline Kuhn (links) und Franziska Schmitt.
Containern nicht nur um der Gerechtigkeit willen, sondern auch zum Klimaschutz: Die beiden Olchinger Studentinnen Caroline Kuhn (links) und Franziska Schmitt. Carmen Voxbrunner

Ist es erlaubt, Essen wegzuwerfen? Nein, sagen diese Studentinnen.

Interview von Bernd Kastner

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Die beiden Studentinnen Caroline Kuhn, 28, und Franziska Schmitt, 26, aus Olching bei München wurden von der Polizei erwischt, als sie aus den Tonnen eines Supermarktes genießbare Lebensmittel holten. Ihre Strafe: 225 Euro auf Bewährung und acht Sozialstunden bei der Tafel. Dagegen legen sie nun Verfassungsbeschwerde ein.

SZ: Frau Kuhn, haben Sie Ihre Sozialstunden schon abgeleistet?

Caroline Kuhn: Das haben wir noch nicht. Dafür haben wir ja auch bis zum Jahresende Zeit. Erst mal haben wir uns um die Verfassungsbeschwerde gekümmert.

Freuen Sie sich darauf, bei der Tafel Essen zu retten?

Bei der Tafel in Fürstenfeldbruck haben wir schon mal mitgeholfen. Wir machen das gerne, es wäre nicht nötig gewesen, uns dazu zu verurteilen.

Ursprünglich hätten Sie jeweils 1200 Euro Strafe zahlen sollen, Sie sind also glimpflich davongekommen. Warum wollen Sie das Urteil nicht akzeptieren?

Es geht nicht nur um unseren persönlichen Fall, sondern um einen demokratischen Prozess. Wir wollen, dass wir uns als Gesellschaft mit dem Thema Lebensmittelverschwendung noch mehr beschäftigen, auch vor dem Verfassungsgericht. Wir sind überzeugt, dass das Urteil gegen uns dem Grundgesetz widerspricht. Viele Menschen haben uns gesagt, dass sie unsere Verurteilung als absurd empfinden. Sie widerspricht dem Gerechtigkeitsempfinden vieler Menschen. Die meisten sehen im Containern keine schlechte Tat, für die man bestraft werden müsste. Nur weil jemand Lebensmittel aus der Mülltonne holt, so ein Prozess, das kann doch nicht sein. Das sagen viele.

Was meinen Sie mit "viele"?

Wir haben eine Petition initiiert, es haben mehr als 150 000 Bürgerinnen und Bürger unterschrieben dafür, dass Containern entkriminalisiert wird. Wir haben die Petition an die Bundesjustizministerin gerichtet und an den Edeka-Chef.

Haben sich die Adressaten bei Ihnen gemeldet?

Nein. Aber wir waren bei der Justizministerkonferenz und haben dort einen Teil der Unterschriften übergeben.

Erfolg hatten Sie keinen, es bleibt bei der Strafbarkeit des Containerns. Können Sie nachvollziehen, dass dahinter die juristische Frage steht: Wo endet Eigentum?

Sicherlich, das ist nicht einfach zu beantworten. Wir sind aber überzeugt, dass mit dem Wegwerfen von Lebensmitteln in die Mülltonne das Eigentum aufgegeben wird.

Wenn das Containern straffrei wäre: Wäre denn das Problem der Lebensmittelverschwendung gelöst ?

Containern ist natürlich nicht die endgültige Lösung. Aber die Entkriminalisierung wäre ein starkes Zeichen an die Lebensmittelretter. Um die Vernichtung von Lebensmitteln zu bekämpfen, müssen wir auf verschiedenen Ebenen agieren. Deshalb fordern wir auch ein Gesetz zum Wegwerfstopp für Supermärkte. Wir müssen auch an die Landwirtschaft denken, wo viel unnötig weggeworfen wird. Und wir müssen uns generell überlegen, welche Einstellung zum Eigentum wir uns leisten wollen.

Wie meinen Sie das?

Bisher darf jeder mit Lebensmitteln, die in seinem Eigentum sind, machen, was er will. Also auch wegwerfen. Das ist nicht in Ordnung, denn diese Dinge sind Lebensgrundlage für andere Menschen, im doppelten Sinne: als Nahrung und im Rahmen des Klimaschutzes. Es geht bei dem Thema um soziale Gerechtigkeit und Klimagerechtigkeit: Die Herstellung und der Transport von Lebensmitteln verursachen einen enormen Ressourcenaufwand, dabei wird sehr viel CO₂ ausgestoßen, zuerst in der Landwirtschaft, dann in der Verarbeitung und beim Transport. Weltweit und auch in Deutschland werfen wir ein Drittel der Lebensmittel oder mehr weg: Wenn wir das vermeiden, was könnten wir da an CO₂ einsparen!

© SZ vom 08.11.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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