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Aktivismus:Radikal

Luisa Neubauer Fridays for Future Aktivistin bei der europäischen Digitalkonferenz re publia repu

"Offene Ohren vielleicht, aber offener Geist?" Luisa Neubauer hat wenig Vertrauen in den guten Willen der Bundesregierung.

(Foto: Jan Mauersberger/imago images)

Luisa Neubauer, das deutsche Gesicht von Fridays for Future, über Klimaschutz, zivilen Ungehorsam und Demokratie.

Interview von Josef Kelnberger

Luisa Neubauer, 23, Studentin aus Göttingen, ist eine Frau der ersten Stunde bei Fridays for Future (FFF) und das prominenteste Gesicht der Bewegung in Deutschland. Häufig wird sie als "deutsche Greta Thunberg" bezeichnet - der Vergleich stimme nicht ganz, sagt sie beim Gespräch in einem Berliner Café. Thunberg sei mehr eine Botschafterin. Sie selbst, sagt Neubauer, sei Aktivistin und Organisatorin und sieht ihre Aufgabe auch im Dialog mit "politischen Entscheidungsträgern".

Frau Neubauer, Sie haben 2019 jede Menge Entscheidungsträger getroffen. Streitgespräche mit Armin Laschet und Peter Altmaier, Interview mit Mathias Döpfner, Fernsehauftritte bei "Lanz", "Hart aber Fair", vieles mehr. Stoßen Sie wirklich auf offene Ohren?

Offene Ohren vielleicht, aber offener Geist? Herr Altmaier sagt dann ja trotzdem, es ist super, wenn wir weitere 18 Jahre Kohle verbrennen. Ich habe Hunderte Gespräche geführt, und viele Menschen haben Vorstellungen davon, was andere tun sollen, aber wenige sprechen darüber, was sie selbst machen müssten. Viele Politiker sagen: Noch mehr Klimaschutz geht nicht, das kann man den Menschen nicht zumuten. Die Bilanz ist jedenfalls ernüchternd.

Wie verarbeiten Sie so eine Landtagswahl in Thüringen? Fünf Prozent Grüne, darüber hinaus hat der Klimaschutz keine Lobby.

Das ist tragisch. 30 Jahre lang wurde der Osten vernachlässigt; dass die Menschen unzufrieden sind, ist nicht überraschend. Viele entwickeln einen Groll gegen Klimapolitik, haben das Gefühl, man nimmt ihnen was weg. Aber die politischen Entscheidungsträger hätten einen Aufklärungsauftrag: Die Ökosysteme kollabieren, wir müssen handeln, jetzt. Was wir stattdessen erleben: Man lacht sich den Ast, wenn irgendein Öko etwas sagt, was irgendwie schräg klingt.

Gut möglich, dass demnächst eine Jamaika-Koalition regiert, die dann die Forderungen von FFF ebenfalls nicht umsetzt. Und dann?

Wir kämpfen weiter dafür, dass wir kurz- und mittelfristig massive Änderungen in der Klimapolitik erleben. Das ist der Zeitraum, in dem wir agieren müssen. Wenn wir nicht daran glauben würden, würden wir uns selbst belügen.

Wird die Bewegung sich aus Frust radikalisieren? Oder wird sie vielleicht zur Partei?

Sie meinen, wie die 68er-Generation, die einen werden RAF, die anderen die Grünen? Ich glaube nicht, dass das die Alternativen sind. Eine Partei werde ich sicher nicht gründen. Und Radikalität muss nicht Gewalt bedeuten. Der Protestforscher Gene Sharp hat 198 Methoden des gewaltfreien Widerstands gelistet. Eine davon ist der Schul- und Unistreik. Jetzt haben wir noch 197 andere Methoden. Dass wir nicht bei den Streiks bleiben, ist realistisch. Wir müssen Konsequenzen daraus ziehen, dass selbst mit eineinhalb Millionen Menschen auf der Straße die Regierung sich weigert, die von ihr selber ausgehandelten Pariser Klimaziele umzusetzen. Das ist beschämend. Wir müssen unsere Proteste anpassen. Aber immer gewaltfrei und friedlich.

Eine häufig diskutierte Frage unter Klimaschützern: Ist die parlamentarische Demokratie nichts mehr wert, wenn sie die Herausforderung des Klimawandels nicht sofort angeht? Was meinen Sie?

Die Demokratie muss sich zweifellos messen lassen an ihrem Umgang mit ökologischen Grundlagen. Natürlich kann man sagen, die Demokratie sei zu langsam für die Klimakrise. Ich glaube eher, dass diese Bundesregierung zu feige ist für die Klimakrise. Außerdem: Die Gesellschaft ist so fixiert auf technologische Innovationen, aber wieso denken wir nicht darüber nach, dass uns demokratische Innovationen helfen könnten, um die Entscheidungsprozesse zu beschleunigen? Ich möchte alt werden in einer Gesellschaft, in der die ökologischen Grundlagen intakt bleiben und in der die Menschen politisch partizipieren können. Das ist nicht unvereinbar.

Sie haben mit einem Umweltökonomen ein Buch geschrieben, "Vom Ende der Klimakrise", sind neuerdings auch noch Kolumnistin. Ein völlig neues Leben. Fühlen Sie sich manchmal überfordert?

Eigentlich ist das für alle zu viel, nicht nur für mich. Viele junge Menschen haben in ihrem Leben auf "Pause" gedrückt, um sich Fridays for Future anzuschließen. Viele haben sich mit ihren Eltern verkracht, viele wurden in der Schule wegen unserer Klimastreiks nicht versetzt. Ich hätte im Herbst ein Master-Studium in England antreten können, politische Ökologie und Geografie. Ich habe das erst einmal abgelehnt, aber ich beklage mich nicht: Es war meine Entscheidung. Und ich weiß, dass ich in einer besonderen Position bin.

© SZ vom 01.12.2019
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