Aktion gegen Primark:Zum Balanceakt gezwungen

Für eine effektive Öffentlichkeitsarbeit sind die NGOs demnach zu einem Balanceakt gezwungen zwischen der seriösen, aber häufig trockenen Darstellung der Fakten einerseits und den Mitteln, die sie anwenden, um überhaupt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erregen, andererseits. Manchmal geht das schief. Manchmal kippen Kampagnen oder Aktionen soweit ins Fragwürdige, dass sie Anlass für massive Kritik geben.

Ein berühmt-berüchtigtes Beispiel hierfür ist die "Brent Spar"-Kampagne von Greenpeace. Als Shell 1995 die ausgediente Ölbohrplattform "Brent Spar" im Meer versenken wollte, nutzte die Umweltorganisation die Gelegenheit: Hier sollte ein Vertreter der Ölindustrie, deren Produkte auch zum Klimawandel beitragen, unmittelbar als skrupelloser Umweltsünder gebrandmarkt werden. Die Bevölkerung empörte sich, Shell verzichtete auf die Versenkung. Dann stellte sich heraus, dass Greenpeace sich vertan hatte. Die Ölmenge, ins Meer geflossen wäre, war viel geringer, als behauptet.

Umstritten sind auch die Auftritte der Organisation Femen. Die Aktivistinnen protestieren barbusig gegen verschiedene Formen der Ungerechtigkeit weltweit. Allerdings untergraben sie Kritikern zufolge ihre Anliegen selbst durch ihre Radikalität und die Beliebigkeit der Ziele ihrer Proteste.

Die Aktion der unbekannten Anti-Primark-Aktivisten mit ihren gefälschten Labeln haben den Rahmen der ausgewogenen Öffentlichkeitsarbeit ebenalls eindeutig verlassen. Und sie haben eindeutig ethisch fragwürdige Mittel eingesetzt.

Wer verdient mehr Empörung - Primark oder die Label-Fälscher?

Andererseits steht Primark nicht zu Unrecht in der Kritik. Und wie ethisch müssen Aktionen eigentlich selbst sein, die sich gegen ein unethisches Geschäftsmodell - Ausbeutung - richten? Ist in diesem Fall nicht völlig klar, wer mehr Empörung verdient: Primark oder die Label-Fälscher?

Allerdings dürften viele Menschen nun das Gefühl haben, hereingelegt worden zu sein. Und es besteht die Gefahr, dass die nächsten Hinweise auf Zwangsarbeit mit Skepsis betrachtet werden. Es wäre ehrlicher und für die Sache insgesamt besser gewesen, wenn die Anti-Primark-Aktivisten sich umgehend zu der Kampagne bekannt hätten.

Der Schaden für das Image der NGOs dürfte aber überschaubar bleiben. Greenpeace etwa hat den ungemein peinlichen "Brent Spar"-Skandal leicht gerupft überstanden. Auch der Ruf von Amnesty International und anderen NGOs, die sich für Menschenrechte und Gerechtigkeit einsetzen, wird nicht leiden.

Ihr erstes Ziel haben die Anti-Primark-Aktivisten übrigens zwar erreicht: Ihre Kritik an der Kette und an anderen Textil-Discountern wurde erneut gehört. Von ihrem eigentlichen Anliegen, das öffentliche Bewusstsein nachhaltig zu verändern, sind sie allerdings noch weit entfernt. Das war gestern in Berlin zu beobachten: Vor der neuen Filiale einer Billigkette hatten sich schon vor der Eröffnung lange Schlangen gebildet. "Ich kann mir kein T-Shirt für 30 Euro leisten", sagte eine Schülerin, die extra für die Eröffnung dem Unterricht fernblieb. Ein typischer Kommentar. Die Filiale gehörte übrigens zu Primark.

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