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Deutsch-türkische Beziehungen:Warum Erdoğan in Deutschland so viele Anhänger hat

Expatriate Turks Hold Gatherings Amidst Blocked Referendum Rallies

Recep Tayyip Erdoğan kann auf viele Anhänger in Deutschland zählen, hier in Köln.

(Foto: Getty Images)
  • Die Mehrzahl der Deutschtürken lebt gerne in Deutschland, gleichzeitig fühlen sich viele von ihnen aber ungerecht behandelt.
  • Erdoğan macht sich beliebt, indem er sich als Anwalt der verletzten und benachteiligten Minderheit inszeniert.
  • Die Nachteile von Erdoğans Politik nehmen hier lebende Türken nur am Rande wahr, weil sie selbst nicht direkt unter den Folgen leiden.

Saz heißt die türkische Laute. Sie begleitet die schönsten Schmachtgesänge der örtlichen Volksmusik. Aber nur die Kameras des Senders TRT Müzik sind auf die Lautenspieler im großen Saal des Forums Leverkusen gerichtet. Dutzende andere Objektive zoomen auf einen Mann, der schweigend in der ersten Reihe sitzt. Nihat Zeybekçi, der türkische Wirtschaftsminister, ist aus Ankara gekommen. Er stammt aus demselben Ort wie der Verein, der das Konzert organisiert hat. Ist er hier nur winkender Ehrengast? Oder will er nicht doch Propaganda machen für ein zunehmend autoritäres Regime?

"Ich bin völlig überfordert", entschuldigt sich der Vereinsvorsitzende Ali Inceören und lächelt verlegen in die vielen Kameras. Nein, er wolle nichts sagen über den Minister, den Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan oder die türkisch-deutschen Beziehungen. Allein so viel: "Das ist eine kulturelle und keine politische Veranstaltung." Nur ist derzeit alles politisch, wenn Deutschtürken sich treffen: Wer hält es wie mit Erdoğan? Lässt sich also der Beifall der Volksmusikfestbesucher für den Minister als Sympathie deuten für die Ambitionen und Allüren des Staatschefs?

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Wegen des Auftrittsverbots für einige türkische Politiker sieht der türkische Präsident in Deutschland Nazi-Methoden walten. Damit ist Erdoğan zu weit gegangen, findet auch die Türkische Gemeinde.

Tatsache ist: Als im Herbst 2015 die Türken ein neues Parlament wählten, erhielt die AKP insgesamt 49,5 Prozent der Stimmen. Bei den Deutschtürken aber, die mitwählen durften, kam die Erdoğan-Partei auf 59,7 Prozent, was viele fragen ließ: Warum ist der autokratische Präsident ausgerechnet bei jenen beliebt, die in einer doch recht liberalen Demokratie leben?

"Die Frage treibt mich sehr um", sagt der Religionssoziologe Detlef Pollack von der Uni Münster. Er hat im vergangenen Juni 1200 Deutschtürken befragen lassen - und staunte über die Ambivalenzen, die sich da zeigten. 90 Prozent der Befragten fühlten sich in Deutschland wohl, 87 Prozent mit dem Land eng verbunden. Zugleich sah sich aber nicht einmal die Hälfte gerecht behandelt, und 84 Prozent stimmten dem Satz zu, dass es sie wütend mache, wenn bei jedem Terroranschlag gleich die Muslime verdächtigt würden.

"Es geht um Verletzungen und gefühlte Benachteiligungen", sagt Pollack. Und wenn ein Politiker es versteht, als Anwalt der Verletzten und Benachteiligten aufzutreten, dann ist das Erdoğan. Alle anderen wollen die Türkei kleinhalten - Erdoğan macht sie groß; alle halten den Islam für rückständig - der Präsident macht eine islamische Türkei zur wirtschaftlichen wie politischen Großmacht: So sehen das viele Türken in Deutschland. "Die Nachteile, die Erdoğans Politik für die Türkei bringt, nehmen die Deutschtürken nicht oder nur am Rande wahr", sagt Pollack, "sie leiden ja auch nicht darunter."

Türkei

Es ist eine Verschiebung, die, so fürchtet Pollack, "das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken dauerhaft gefährden könnte". Man kann sich auch in Deutschland in der Wahrnehmungsblase der AKP bewegen. Da ist die Türkei existenziell bedroht von der kurdischen PKK und den Anhängern des Predigers Fethullah Gülen, die alle Terroristen sind; da gibt es Meldungen wie jene, dass der "türkische Automobil-Export um zwölf Prozent gestiegen" sei. Da wollen deutsche Demokratiefeinde türkischen Politikern den Mund verbieten.

Die AKP-Fans sind in Deutschland straff organisiert. Offiziell bietet zwar ein Koordinationsbüro für Auslandswähler der Regierungspartei AKP den Rahmen für die Ministerreden. Doch es gilt als offenes Geheimnis, dass vor allem die Union Europäisch-Türkischer Demokraten mit Sitz im Kölner Stadtteil Porz die Lobby-Arbeit für Erdoğans Partei erledigt - höchst professionell übrigens, wie auch Kritiker anerkennen. Und wer die Seite des deutsch-türkischen Unternehmers Remzi Aru besucht, bekommt ein gutes Bild von der Weltsicht dieser Kreise. Aru hat die "Allianz deutscher Demokraten" gegründet, eine deutsche Pro-Erdoğan-Organisation. Die AfD hat gegen das blaue "ADD"-Logo geklagt, das Landgericht Köln hat der AfD recht gegeben. Für Aru ein politisches Urteil: "Genau so fing es im Dritten Reich an. Bestimmt werden bald die Ersten von uns an einem Fleischerhaken hängen."

Junge Deutschtürken denken ähnlich wie ihre deutschen Altersgenossen

Kazim Erdoğan sitzt in seinem kleinen Büro in Berlin-Neukölln und jongliert mit den Telefonen - hier eine Beratung, dort einen Journalistenanfrage. Seit 40 Jahren lebt der Psychologe in Berlin, hat türkische Väter in Sachen Beziehung und Erziehung beraten. Auch jetzt klingt er wie in der Paartherapie. "Das Problem ist vielschichtig", sagt er. Gerade in der zweiten und dritten Migranten-Generation seien die islamische Religion und die türkische Nation zu "Identitätsmarkern" geworden - "obwohl viele Jüngere gar nicht mehr so oft zur Moschee gehen und die Türkei nur aus dem Urlaub kennen".

Eine provokante Identität, gegen das Gefühl, nie ganz dazuzugehören, in Deutschland wie in der Türkei. Und dann herrschten seit dem Putschversuch in der türkischen Community Aggression und Sprachlosigkeit. "Die Mitte ist verloren gegangen", sagt er. "Wer nicht hundert Prozent für Erdoğan ist, gilt seinen Anhängern als Feind, das lässt die nachdenklichen Stimmen verstummen."

Was tun? Miteinander streiten, aber nicht den Kontakt abreißen lassen, sagt der Familientherapeut. Der Zukunft vertrauen, sagt der Soziologe Pollack: Die junge Generation der Deutschtürken habe mittlerweile fast die gleichen Einstellungen wie ihre deutsche Umgebung, "das dürfte sich langfristig durchsetzen".

In Köln hat dann Minister Zeybekçi doch noch seine Wahlkampfrede gehalten. Sprechchöre ließen "Recep, Recep, Recep Tayyip Erdoğan" hochleben. "Die deutsche Politik und deutsche Medien bauen ihn zum Feindbild auf", klagt einer der Zuhörer. Und umgekehrt? "Ja", gibt er zu, "an Feindbildern basteln unsere Leute auch."

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