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Agrar-Ausschuss entscheidet über Zoophilie:Tiere sind nicht für sexuellen Kontakt mit Menschen geschaffen

Ohnehin sei die Bundesregierung - und insbesondere die Union - in Sachen Tierschutz alles andere als konsequent. "Es ist noch jahrelang erlaubt, Ferkel ohne Betäubung zu kastrieren. In der landwirtschaftlichen Tierhaltung werden weiterhin Qualzucht und Brandzeichen zugelassen. Auch Tierversuche an Menschenaffen bleiben legal." Die großen Fortschritte, die etwa der agrarpolitische Sprecher der CSU-Landesgruppe im Anschluss an die Entscheidung betonte, sieht er nicht, ganz im Gegenteil. Die Bundesregierung habe in Sachen Tierschutz versagt, sei von Agrar-Lobby und Wissenschaftlern, die Tierversuche unterstützen, massiv beeinflusst worden und hefte sich nun mit dem Verbot der Zoophilie einen Orden an, den sie nicht verdiene.

Diese Argumente liegen nah an dem, was auch Kiok reklamiert: Wenn man in dieser Gesellschaft so grausam mit Tieren umgehen dürfe, sei das Verbot seiner persönlichen Beziehung unverhältnismäßig.

"Wir reden nicht vom Hundeschmuser"

So ähnlich sieht das auch Hani Miletski. Die US-amerikanische Paar- und Sexualtherapeutin ist eine der wenigen, die je zu diesem Thema geforscht haben. In ihrem Buch "Understanding Bestiality and Zoophilia" lässt sie sich sehr weit auf die Argumentation von Zoophilen wie Kiok ein. Das nun beschlossene Verbot in Deutschland hält sie für wenig gerechtfertigt. "Ich persönliche glaube, dass man, bevor man Zoophilie unter Strafe stellt, zunächst einmal das Töten von Tieren verbieten sollte." Die Zoophilen, die sie kenne, seien "gesetzestreue Bürger, die ihre Tiere lieben und alles tun, damit es ihnen gutgeht". Man dürfe Tiere für alles mögliche einsetzen, in der Landwirtschaft, im Zirkus, zum Jagdsport. Nur wenn es um Sex geht, würden die Leute verrücktspielen.

Eine Extremposition. Dass Tiere nicht für sexuellen Kontakt mit Menschen geschaffen sind, bestätigen Tierärzte und Verhaltensbiologen. "Wir reden hier nicht vom Hundeschmuser, der seinen Tieren mal ein Küsschen gibt oder ihm die Ohren krault" stellt FDP-Experte Goldmann klar. Er ist ebenfalls ausgebildeter Tierarzt und überzeugt, dass es der Tierschutz gebiete, Tiere vor solch artwidrigem Verhalten zu schützen.

Das Engagement von Michael Kiok, der sich in einer groß angelegten Kampagne an die Öffentlichkeit gewendet hat, hat das Verbot vermutlich eher herbeigeführt als verhindert. "Ich bin froh, dass er darüber spricht" sagt etwa Tierschutzbund-Präsident Schröder. "So weiß man endlich: Das gibt es wirklich, das ist tatsächlich ein Problem." Lange Jahre sei Sodomie vor allem als gruseliger Mythos, als Gerücht behandelt worden.

Tierbordelle. Bauernhöfe, auf denen man für Geld Sex mit den verschiedensten Gattungen haben kann, dieses erschreckende Bild wurde von Aktivisten wie Nicola Siemers genutzt, um das Thema auf die Agenda zu bringen. In dem Buch "Verschwiegenes Tierleid" von Birgit Schröder, auf das sich Siemers immer wieder bezieht, wurde bereits 2006 vor Zoophilen gewarnt - und vor einer großen und unkontrollierbaren Szene. Drei Prozent der Deutschen, also mehr als zwei Millionen, seien von Zoophilie betroffen, mehr als 500.000 Tiere kämen in Deutschland jährlich "bei exzessiven Sex-Praktiken" um. Tierbordelle gebe es, man müsse nur mal im Internet nachschauen. Hans-Michael Goldmann hält diese These für gewagt bis abwegig. "Wir haben festgestellt, dass das Problem so massiv nicht ist. Anhaltspunkte für Tierbordelle gibt es keine."

Dass das Thema tierschutzrechtlich relevant ist, daran besteht allerdings kein Zweifel. Grausame Bilder, die alles zeigen, was Menschen Tieren in dieser Hinsicht antun können, sind frei im Internet verfügbar. In anderen Ländern, in denen Zoophilie verboten ist, der Schweiz zum Beispiel, sind tatsächliche Anklagen selten. Jost-Dietrich Orth, pensionierter Oberstaatsanwalt, der die Verbotsinitiative unterstützt, sagt, es gehe juristisch vor allem um ein Symbol: "Der Gesetzgeber sagt damit: Das soll nicht sein."

Bis heute war die Rechtslage so: Das Zeigen tierpornografischer Bilder ist verboten, das Herstellen jedoch nicht. Eine seltsame Schieflage, wie auch Juristen befinden. Die Bilder aus dem Netz zu entfernen, war damit fast unmöglich.

Mit dem heutigen Beschluss im Sinne des Tierschutzes ist die Diskussion noch nicht beendet. Michael Kiok hat angekündigt, gegen das Verbot klagen zu wollen.

© Süddeutsche.de/rus
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