Aggressiver Asylstreit in Berlin Professionelles Auftreten

Gleichzeitig organisiert die Initiative Kiez-Spaziergänge, bei denen mit Kreide Sprüche auf die Straße geschrieben werden. Die Fotos landen anschließend auf der Facebookseite. Ganz oben auf der Seite steht derzeit ein Video von Migranten, die die deutsche Nationalhymne nicht korrekt singen können. Mittlerweile hat sie mehr als 2000 Likes.

Wer die Initiative jedoch in die rechte Ecke stellt, muss mit Drohungen rechnen. So geschehen im Fall der grünen Bezirksverordneten Rafaela Kiene. Sie solle sich "offen für die Beleidigungen und Verleumdungen (...), welche sich ganz klar gegen die Bürger von Marzahn-Hellersdorf richten", entschuldigen, zitiert der Berliner Tagesspiegel aus einer Facebooknachricht. "Sie haben klarzustellen, dass hier weder die NPD noch sonst ein Verein die BI unterstützt", heißt es weiter. Sollte Kiene sich dem verweigern, "werden wir Sie öffentlich bekannt geben und unseren Befürwortern empfehlen, Sie anzuzeigen". Nun hat Kiene selbst Anzeige gegen die Initiative erstattet.

Mittlerweile hat auch das Bezirksamt reagiert und ein Netzwerk gegründet. Anfang August haben sich Vertreter von Kirchen, Polizei und Flüchtlingsinitiativen getroffen, die das Heim befürworten. Gemeinsam haben sie sich Gedanken gemacht, wie sie den Flüchtlingen helfen können. Durch Aufrufe in den Medien sollen beispielsweise Spenden gesammelt werden. Doch es ging auch darum, wie die Anwohner besser informiert werden können. Mittlerweile steht eine Übersicht zu den wichtigsten Fragen zum Asylbewerberheim auf den Webseiten des Bezirksamts - ein Ergebnis des Treffens.

NZH - die Abkürzung für "Nein zum Heim" ist mit Kreide auf die Straße geschrieben.

(Foto: Antonie Rietzschel)

"Außerdem gibt es Überlegungen, Flyer zu verteilen und mit den Anwohnern zu sprechen", sagt Michael von der Initiative "Hellersdorf hilft Asylbewerbern", die auch Grünen-Politikerin Kiene unterstützt. Der Student möchte ungern seinen Nachnamen in den Medien lesen. Er habe Familie in dem Wohnbezirk, sagt der Student - und möchte nicht, dass irgendwann ungebetene Gäste vor deren Tür stehen.

Dass es ein breites Bündnis gegen die rechten Umtriebe im Bezirk gibt, findet Michael grundsätzlich gut. Jedoch glaubt er nicht daran, dass das Bezirksamt es so bald schaffen wird, den Aktionismus der "Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf" zu brechen. Die Wege in der Verwaltung seien zu lang, sagt er. Allein bis die "Fragen und Antworten" des Netzwerkes online gestellt wurden, seien drei Tage vergangen. Für die Übernahme von Flyer-Druckkosten müsste erst ein Antrag gestellt werden.

Die Flüchtlinge sind noch nicht da

"Mit den Aktivitäten der 'Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf' kann das Bezirksamt nicht mithalten", sagt auch Martina Mauer vom Flüchtlingsrat Berlin. Erst kürzlich habe sie einen Flyer der Initiative gesehen, auf dem erklärt wird, wie die Entscheidung für das Heim zustande gekommen ist. "Sehr professionell gemacht."

Und die Flüchtlinge? Eigentlich sollten sie in dieser Woche einziehen. Doch wegen eines zwischenzeitlichen Baustopps hat sich der Termin verschoben. Auf wann ist unklar. Zwischen zwei bis vier Wochen könne es dauern, heißt es im Landesamt für Gesundheit und Soziales.

Vielleicht reicht die Zeit, um die Anwohner doch noch mit dem Asylbewerberheim zu versöhnen. Aber auch den Gegnern bliebe damit die Möglichkeit, deren Verunsicherung noch stärker für sich zu nutzen. Und die ist allgegenwärtig: Sie habe Angst, dass ihr Junge von den Flüchtlingen bedroht wird, sagt eine Mutter, die mit ihrem Sohn an dem Gebäude vorbeiläuft. "Wenn die da sind, werde ich ihn nicht allein zur Schule lassen."