Afrika:Wem gehört der Nil?

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Das Wasser des Flusses ist wertvoll. Nachdem es kurz so aussah, als würden die Anrainerstaaten darum Krieg führen, gibt es jetzt Zeichen der Versöhnung: Ägypten, Sudan und Äthiopien haben eine Erklärung unterzeichnet.

Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Wasser spendet Leben in der Wüste. In Ägypten hängt alles Leben am Nil. Am besten erkennen lässt sich das auf einem Satellitenbild. Wie ein blauer Strich mit dicken grünen Rändern zieht sich Afrikas längster Strom durch sein Tal, umgeben von kargen Landschaften aus Sand und Stein. Nördlich von Kairo weitet sich das Delta zu einem Fächer aus Dutzenden Grüntönen. Der Fluss brachte einst antike Zivilisationen hervor. Heute ist er die Arterie einer der fruchtbarsten Landschaften Nordafrikas, ermöglicht intensivste Landwirtschaft. Doch ist das Land am Unterlauf fast völlig abhängig von dieser einen Wasserquelle - nicht nur, um das Land urbar zu machen, sondern auch für Trink- und Brauchwasser. Entsprechend empfindlich reagieren die Herrschenden in Kairo, wenn sie befürchten, dass ihnen am Oberlauf das Wasser abgegraben werden soll.

Als Äthiopien im April 2011 den Grundstein für den Grand Renaissance Dam legte, die größte Talsperre und das größte Wasserkraftwerk Afrikas , war Ägypten gerade mit sich selber und dem politischen Umsturz beschäftigt. Doch als man sich in Kairo ein wenig sortiert hatte, machten Vorschläge von Luftangriffen bis zur Sabotage der Staumauer am Blauen Nil 40 Kilometer von der sudanesischen Grenze die Runde, auch die Idee, innere Unruhen in Äthiopien zu befördern. Quer durch das postrevolutionäre politische Spektrum war man sich in Kairo einig, dass jedes Mittel recht sei, um diese Bedrohung abzuwenden.

Ägypten pocht auf zwei Verträge aus der Kolonialzeit und von 1959, die dem Land das Recht garantieren, 87 Prozent des Wassers zu nutzen, etwa 55 Milliarden Kubikmeter pro Jahr, und Kairo quasi ein Vetorecht gegen Staumauern stromaufwärts einräumen. Doch stammen 86 Prozent des Nilwassers aus Äthiopien; lange Jahre nutzte das Land davon nur drei Prozent.

Heute sind die Kriegsdrohungen Versöhnungsgesten gewichen: In der sudanesischen Hauptstadt Khartum reckten Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi, sein sudanesischer Kollege Omar al-Baschir und der äthiopische Premierminister Heilemariam Desalegn am Montag ihre Hände gemeinsam in den Himmel. Zuvor hatten sie eine Prinzipienerklärung unterzeichnet, die den Streit um die Nutzung des Nilwassers und den Bau des Damms beilegen soll. Sie vereinbarten, dass internationale Berater die Auswirkungen der fast 2000 Meter breiten Staumauer auf Sudan und Ägypten untersuchen sollen, hinter der einmal bis zu 74 Milliarden Kubikmeter Wasser stehen sollen - eineinhalb mal soviel wie im Bodensee. Äthiopien hat sich verpflichtet, notfalls Änderungen an dem etwa fünf Milliarden Dollar teuren und zu 40 Prozent fertiggestellten Projekt vorzunehmen, um mögliche negative Folgen für die beiden anderen Länder zu mindern. Letztlich soll der Kompromiss zu einem zwischenstaatlichen Abkommen führen.

Kritiker in Ägypten warnten, vage Formulierungen würden dem Land nicht genug Schutz bieten. Sie unterstellten Sisi, einen Präzedenzfall zu schaffen und Ägyptens alte Ansprüche auf den Nil ohne Gegenleistung aufzugeben. Er beschere damit Äthiopien einen politischen Triumph. Allerdings hat Addis Abeba mit anderen Nil-Anrainern am Oberlauf ein neues Abkommen geschlossen und klargemacht, dass die Verträge aus der Kolonialzeit die Interessen dieser Länder nicht angemessen berücksichtigen. Sudan war nicht auf Konfrontation aus; damit stand Kairo alleine.

Sisi sieht in diesem Fall im Dialog die beste Chance, Ägyptens Interessen zu wahren, wie er in Khartum deutlich machte - nicht ohne zu betonen, dass der Damm für die Ägypter "ein stetiger Quell der Sorge" sei. Er mahnte, detaillierte Vereinbarungen seien noch zu treffen und von allen Seiten einzuhalten; ein Hinweis, dass der Streit nicht endgültig beendet ist. Doch passt sein pragmatisches Vorgehen zur Strategie, Ägyptens Blick wieder stärker nach Süden zu richten - angelehnt an die Politik eines seiner Vorgänger und Vorbilds Gamal Abdel Nasser. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass große Delegationen afrikanischer Staaten in Kairo sind, mit denen Ägypten bisher kaum Handel treibt. Erstmals seit drei Jahrzehnten wird an diesem Dienstag in Sisi ein ägyptischer Präsident in Äthiopien zu einem Staatsbesuch empfangen und dort vor dem Parlament sprechen, wie ägyptische Medien berichten. Im Januar hatte er bereits am Gipfel der Afrikanischen Union in Addis Abeba teilgenommen. Diese Treffen hatte Hosni Mubarak gemieden, seit er 1995 in Äthiopiens Hauptstadt nur knapp einem Attentat ägyptischer Islamisten entgangen war.

© SZ vom 24.03.2015 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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