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Flüchtlinge:Mit der Bevölkerung schrumpft das Protestpotenzial

Das Wachstum kommt vielerorts nur einer Gruppe von Reichen zugute: Interessenten bei einer Porsche-Präsentation in Nigerias Hauptstadt Lagos.

(Foto: Sunday Alamba/AP)

Im Besprechungsraum einer kleinen Kirchengemeinde in der nigrischen Wüstenstadt Agadez, einem Drehkreuz der Migration Richtung Europa, sitzt Pater Étienne, einer der Priester, die sich - oft vergeblich - bemühen, die Durchreisenden von der lebensgefährlichen Weiterfahrt abzubringen. Er spricht aus, was viele in der Region sagen: "Afrikas Präsidenten wissen genau, dass sie ihre Leute nicht auffordern können, das Auswandern bleiben zu lassen. Sie würden damit Revolutionen provozieren. Die Leute würden ihnen entgegenhalten: Dann sorge gefälligst dafür, dass es daheim Arbeit für uns gibt."

Potenzielle Unruhestifter, die massenhaft das Land verlassen - das ist eine Entwicklung, die den Interessen afrikanischer Machthaber durchaus entgegenkommt, zumal dadurch eine der drängendsten Herausforderungen zumindest teilweise exportiert wird. Auf dem ganzen Kontinent wächst die Bevölkerung so stark wie nirgends sonst auf der Welt; bis 2050 dürfte sich die Einwohnerzahl südlich der Sahara auf etwa zwei Milliarden Menschen verdoppeln. Grundsätzlich ist das durchaus eine Chance, es bedeutet nämlich, dass es viele junge, arbeitsfähige Menschen gibt, im Verhältnis zu den Älteren, die versorgt werden müssen. Von einem "demografischen Bonus" sprechen Sozialwissenschaftler, den sich der Kontinent zunutze machen könnte - vorausgesetzt, die Geburtenraten sinken fortan, und die vielen jungen Menschen finden tatsächlich eine Beschäftigung.

Der Druck auf Autokraten kann etwas bewirken, das zeigt das Beispiel Gabun

Doch davon kann nicht die Rede sein. Ein Beschäftigungs-Boom ist nirgends in Sicht, ebenso wenig ein starker Wille, darauf hinzuarbeiten. "Schlechte Regierungsführung in den allermeisten afrikanischen Ländern", das ist für Rachid Kollo ein treibender Faktor für die massenweise Auswanderung; all die "demokratischen Diktatoren" klammerten sich an die Macht, sagt er. Kollo ist Betreiber eines Internetcafés in Agadez, er verdient also sein Scherflein an der Migration, zugleich ist er Mitglied eines länderübergreifenden Netzwerks junger Demokratie-Aktivisten. Europa müsse auf "echte Demokratie" in Afrika hinwirken - vor allem indem es die Zivilgesellschaft in den Herkunftsländern fördere, um so den Druck auf die Regierenden zu steigern, wirklich als Interessenvertreter ihrer Völker zu handeln.

Es gibt ein Beispiel dafür, dass solcher Druck durchaus wirksam sein kann: Anfang dieser Woche etwa verkündete Ali Ben Bongo Ondimba, Präsident von Gabun, und einer der reichsten seiner Art, er werde seinem Volk unter anderem zwei Villen in Paris sowie das Anwesen seines Vaters (und Amtsvorgängers) in der Hauptstadt Libreville übergeben. Die Erlöse sollen "der Bildung und Entwicklung von Gabuns Jugend zugutekommen".

Der Zustand von Gabuns Bildungssystem ist desaströs, und die Frage, wie viele Reichtümer aus welchen Quellen die Bongo-Dynastie wirklich besitzt, beschäftigt seit Längerem auch die französische Justiz. Kritiker vermuten hinter der vermeintlich so edlen Geste daher vor allem ein Motiv: die Angst vor einem Aufstand.

© SZ vom 22.08.2015/leja

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