Afrika-Konferenz G wie geben

Die Regierung will ihre G-20-Präsidentschaft dazu nutzen, reformwillige Staaten zu unterstützen. Erste Abmachungen sind schon getroffen. Doch Kritiker befürchten, dass vor allem Konzerne profitieren.

Von M. Bauchmüller und Ma. Mayr, Berlin

Bundeskanzlerin Angela Merkel macht Afrika zum ersten Mal zum Schwerpunktthema der G20-Präsidentschaft. Zur Vorbereitung lud sie zehn Staats- und Regierungschefs nach Berlin: Gerade trifft Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ein.

(Foto: John MacDougall/AFP)

Die Anarche liegt am Kai in der Rummelsburger Bucht, bereit zum Auslaufen. Auf dem Heck des Floßes trommelt sich eine Samba-Gruppe warm. Über dem Bug baumelt ein überdimensionaler Teddy. Sein T-Shirt verkündet, dass Flüchtlinge willkommen sind. Die Crews der Anarche und anderer selbstgebauter Floße stechen am Montag in die Spree. Von Berlins Wasserstraßen aus wollen sie gegen einen drohenden "Ausverkauf Afrikas" demonstrieren. Menschen von dort müssten legal und sicher nach Europa kommen dürfen. Kurzerhand wollen sie die G-20-Konferenz zu Afrika "entern", zu der die Bundesregierung eingeladen hat, aus Anlass ihrer Präsidentschaft im Industrie- und Schwellenländerforum G 20. Die Konferenz findet allerdings weitab aller Gewässer statt.

Während die Gegner noch ihre Flöße klarmachen, empfängt Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) über den Dächern der Hauptstadt Delegationen aus Tunesien, Ghana und der Elfenbeinküste. Im elften Stock des Ministeriums sollen sie bevorzugte Partner der Bundesregierung werden - ein erster Schritt der deutschen G-20-Initiative. "Wer den politischen Willen beweist, etwas für sein Land und die Menschen zu bewegen, erhält mehr Unterstützung", sagt Müller. Es brauche "neue Anreize für Reformchampions". Etwa 300 Millionen Euro will das Ministerium dafür in diesem Jahr einsetzen. Es sind genau jene Programme, gegen die sich bei Entwicklungsorganisationen und Gegnern eines befürchteten Neokolonialismus Widerstand regt.

Die Welthungerhilfe mahnt: Für junge Afrikaner sei eine Ausbildung das Wichtigste

Geht es nach der deutschen G-20-Präsidentschaft, dann soll es eine Art privilegierte Partnerschaft mit all jenen afrikanischen Staaten geben, die sich Reformen verschreiben - einen "Compact with Africa". Nur Länder, die bestimmte Standards erfüllen, kommen dafür infrage. Im Gegenzug wiederum sollen sich dort vermehrt neue Firmen ansiedeln, die für neue Jobs sorgen. So können etwa deutsche Unternehmen für ihr Engagement in Afrika künftig vermehrt auf Hermes-Bürgschaften des Bundes zurückgreifen. "Die deutsche Wirtschaft bedarf eines Weckrufs", sagt Müller. "Afrika baut auf Europa." Auch für den Ausbau der Infrastruktur brauche es Investoren aus reichen Ländern. Das sehen viele der Gäste aus Afrika ähnlich. "Der Kontinent muss sich verändern und industrialisieren", sagt etwa Alpha Condé, Präsident von Guinea und derzeit Kopf der Afrikanischen Union. "Hier spielt der Privatsektor eine wichtige Rolle." Wie viele andere Staatschefs Afrikas ist auch er nach Berlin gereist.

Kritiker allerdings befürchten, dass von der Initiative hauptsächlich ausländische Investoren profitieren, weniger die afrikanischen Staaten. Der Vorschlag höre sich wie ein Neuaufguss alter neoliberaler Thesen an, sagt Martin Tsounkeu, der Präsident des afrikanischen Entwicklungsnetzwerks Adin, das in Kamerun sitzt. In der Vergangenheit hätten solche Investitionspartnerschaften eher dazu geführt, die Entwicklung zu verlangsamen. Und die Welthungerhilfe weist darauf hin, dass ein verbessertes Investitionsklima allein nicht ausreicht, um Armut und Hunger zu bekämpfen. "Für junge afrikanische Männer und Frauen ist eine Ausbildung im ländlichen Raum der Schlüssel für den Weg aus dem Hunger", betont Till Wahnbaeck, der Vorsitzende der Organisation. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass der Kontinent 2050 die jüngste Bevölkerung der Welt beherbergen wird. Die Einwohnerzahl werde sich auf 2,5 Milliarden Einwohner verdoppeln.

Zahlen, die auch Angela Merkel schon gehört hat. "In einigen Ländern bleibt die Entwicklung hinter dem zurück, was angesichts des Bevölkerungswachstums nötig wäre", sagt die deutsche Bundeskanzlerin zur Eröffnung der zweitägigen Konferenz am Montag. Deutschland wolle im Rahmen seiner G-20-Präsidentschaft alles tun, damit Afrika "die notwendige Dynamik entfalten kann, die wir auch brauchen". Im Übrigen gelte: "Wenn es in Afrika zu viel Hoffnungslosigkeit gibt, dann gibt es natürlich junge Menschen, die woanders auf der Welt ein Leben suchen." Es sind jene, die auf der Anarche willkommen wären.