Afrika Die Landbesitzer

Neuer Asphalt für Lusaka: Die maroden Straßen in der sambischen Hauptstadt werden mit chinesischer Hilfe saniert. Aber der Regierungskritiker Jimmy Maliseni findet, dass viele von ihnen in der Sonne weich werden „wie Kaugummi“.

(Foto: Reuters)

Wem gehört eigentlich Sambia? Die Menschen in dem afrikanischen Staat fragen sich immer häufiger, ob China dort nicht längst alles im Griff hat. Die Einheimischen fühlen sich bei den Projekten übergangen.

Von Bernd Dörries, Lusaka

Sie haben es sich heimelig gemacht. Das Neonlicht strahlt so stark, dass man blinzeln muss, wenn man das chinesische Restaurant in Lusaka betritt, der Hauptstadt Sambias. Der große Raum sieht aus, als wäre er gerade erst spontan mit Plastikstühlen ausgestattet worden, dabei gibt es das Lokal schon viele Jahre. Das Hotel daneben wirbt damit, sowohl ein Kasino zu besitzen als auch Tischtennisplatten, was auch schon das Freizeitverhalten der chinesischen Community beschreibt, die zu den größten in Afrika gehört. Aber jetzt wollen die Chinesen eher unter sich sein, Fragen zum Leben in Sambia werden nicht beantwortet. "Es ist kein guter Zeitpunkt", sagt ein Mann nur.

Es hat sich etwas zusammengebraut in den vergangenen Monaten in Sambia, wo sich immer mehr Bürger fragen, wem das Land eigentlich gehört. Überall in der Hauptstadt sind chinesische Restaurants und Hotels zu sehen, in denen all die essen und schlafen, die auf den vielen Baustellen arbeiten, auf denen chinesische Firmen mit chinesischen Arbeitern und Krediten Straßen bauen und Krankenhäuser, den Flughafen und ein riesiges Stadion. Ein Land modernisiert sich, so sieht es die Regierung in Lusaka. Nur, zu welchem Preis?

Bei den chinesischen Bauten kommen nur 20 Prozent der Arbeiter aus Sambia

Es ist nicht neu, dass China in Afrika riesige Infrastrukturprojekte baut. Neu sind das Misstrauen und die Skepsis, die den Investoren aus Fernost entgegenschlägt. Es ist noch nicht lange her, dass europäische Politiker hinter vorgehaltener Hand mit Bewunderung über das chinesische Engagement sprachen, das so sichtbare Ergebnisse hinterließ, Großprojekte, eine gute Infrastruktur - nicht das Klein-Klein der westlichen Entwicklungshilfe. China, so schien es, spreche auf Augenhöhe mit seinen afrikanischen Partnern. Statt Belehrungen über Menschenrechte baue es Straßen, was im Ergebnis mehr verändere.

"Viele Straßen sind aber leider wie Kaugummi, sie werden weich in der Sonne", sagt Jimmy Maliseni von der Organisation Alliance for Community Action, die gegen die Verschwendung öffentlichen Geldes kämpft. "China ist sehr destruktiv. Wer profitiert außer den chinesischen Unternehmen und unseren Politikern? Wir haben als Bürger nur wenig Vorteile. Wir denken jetzt, dass wir etwas entwickeln, aber in zehn Jahren müssen wir alles reparieren."

Nach einer Studie der Weltbank zahlte Sambia für einen Straßenkilometer 360 000 Dollar an chinesische Firmen - das Doppelte des afrikanischen Durchschnittes. Auch beim großen Flughafen und der Fußballarena mit mehr als 50 000 Plätzen fragen Kritiker, wem dies mehr nutze, den Sambiern oder den Chinesen. "Rücksichtslose Propaganda", nennt Sambias Präsident Edgar Lungu solche Kritik.

Die Opposition sieht das anders und kritisiert, dass bei den chinesischen Projekten nur 20 Prozent der Arbeiter Einheimische sind. "Die Konstruktion der Projekte ist meist überteuert, die Qualität minderwertig, der Gewinn geht nach China", sagt der Bürgerrechtler Maliseni. Andere in Sambia sind nicht so unzufrieden, die Chinesen bauen zurzeit ein großes Krankenhaus und kündigen weitere Projekte an. Im Herbst erst hatte die chinesische Regierung zum Afrika-Gipfel nach Peking geladen und 60 Milliarden Dollar an neuen Krediten für Afrika angekündigt.

Über die Rückzahlung wird nicht so offensiv gesprochen. Im Falle von Sambia sind alle Kreditverträge geheim. Auch die Gesamtverschuldung bleibt unklar. Offiziell beträgt sie 10,6 Milliarden Dollar, das Land gibt 20 Prozent seines Haushalts für Kreditrückzahlungen aus. Ein dramatischer Anstieg, erst im Jahr 2005 waren Sambia von den westlichen Geldgebern alle Schulden erlassen worden.

Dass China seinen Schuldnern ähnliche Milde gewährt, ist unwahrscheinlich. Auch in Afrika hat der Fall Sri Lankas für Schlagzeilen gesorgt, das seinen Verpflichtungen gegenüber Peking nicht nachkommen konnte, weshalb China nun für 99 Jahre die Pacht für einen riesigen Hafen gehört. In Sambia berichteten Zeitungen, dass China bei einem Zahlungsrückstand den staatlichen Energieversorger und den Flughafen übernehmen werde, was beide Seiten dementierten. Eine chinesische Firma hat über ein Joint Venture aber bereits 60 Prozent des Staatsfernsehens übernommen, für die Laufzeit eines Kredits über 25 Jahre. Entsprechend freundlich ist nun die Berichterstattung. Die staatlichen Zeitungen drucken regelmäßig Artikel in Mandarin.

In Armee- und Polizeifahrzeugen in der Hauptstadt kann man hin und wieder chinesische Fahrer und Insassen sehen. Immer wieder werden Grundstücke an Chinesen verkauft, teilweise auch welche, auf denen Schulen oder andere öffentliche Gebäude stehen. "Wem gehört das Land?", fragten Demonstranten, die im September durch die Hauptstadt zogen, manche trugen T-Shirts mit dem Aufdruck: "#sayno2China". Andere Oppositionsgruppen geben vor allem der Regierung die Schuld an der derzeitigen Lage, die China erst die weitreichenden Möglichkeiten eröffne.

Sambia gehörte lange zu den Musterländern Afrikas. Seine Armee hat noch nie einen Krieg geführt, die Wahlen sind meist einigermaßen frei und fair. Die Wirtschaft wuchs lange im Rekordtempo, in der Hauptstadt Lusaka werden überall neue Einkaufszentren gebaut, europäische Autofirmen eröffnen Filialen. Das Land konnte seine Abhängigkeit von der Entwicklungshilfe drastisch reduzieren, von 57 Prozent 1995 auf fünf Prozent im Jahr 2010. Dann aber fiel der Kupferpreis dramatisch, dessen Export etwa 80 Prozent aller Ausfuhren ausmachen. Seitdem steigen die Verschuldung und die Zahl der Geschäfte, bei denen die Opposition einen hohen Anteil an Korruption vermutet.

Ein bekannter Musiker singt über Korruption und das Wirken Chinas. Er landet im Gefängnis

Mehr als 40 Feuerwehrfahrzeuge wurden zu stark überhöhten Kosten in Europa bestellt. Militär und Regierung kaufen Flugzeuge, deren Verwendung unklar ist. Für einen Jet des Präsidenten wurde ein Raketenabwehrsystem bestellt, obwohl Sambia gar nicht bedroht wird. Finnland, Schweden und Großbritannien haben Teile ihrer Entwicklungshilfe eingefroren, weil viel Geld verschwand, das als Unterstützung für die Ärmsten vorgesehen war.

"Unsere Politiker haben keine Agenda, außer mehr Geld für sich zu bekommen. Wir haben uns so viel Geld geliehen, aber niemand weiß, wo es ist." So sieht es Pilato, 34, einer des bekanntesten Musiker Sambias, der Korruption und das Wirken Chinas immer wieder thematisiert - und dafür im Gefängnis landet. Anfang des Jahres tauchte er monatelang in Südafrika unter, weil es Drohungen gegen ihn gab. Als Treffpunkt für das Gespräch hat er die kleine Klinik eines Freundes vorgeschlagen, hinter einer hohen Mauer mit Stacheldraht. "Ich spreche für Leute, die nicht repräsentiert sind in der nationalen Debatte. Ich spreche für die Leute, die arm sind, weil unsere Ressourcen missbraucht werden."

Letztlich singt er vor allem. Von einer "Ratte", die immer mehr Geld will; von Ministern und ihrem Luxus. Er zeigt aber nicht nur mit dem Finger, sondern fragt auch, wieso das Land die Falschen an die Spitze wählt. "Unsere Führer kommen nicht aus dem Nichts, es ist unsere Gesellschaft, die solche Führer produziert. Wenn wir einen aus dem Amt jagen, kommt der nächste. Wir als Gesellschaft müssen uns hinterfragen. Warum sagen wir den Politikern nicht: 'Du darfst das nicht haben, du bist korrupt?' Unsere Gesellschaft nimmt die, die Geld haben." Nur ist das Geld womöglich bald weg in Sambia.