Massawa in Eritrea Wenn der Krieg am vielleicht heißesten Ort der Welt zu Ende ist

Lange lagen die Kaianlagen von Massawa in Trümmern - das hat sich mittlerweile geändert: Der Hafen ist für einen Neuanfang gerüstet.

(Foto: Goisque/Le Figaro Magazine/laif)

Die Küstenstadt Massawa blühte, bis zwanzig Jahre Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien für Verheerung sorgten. Nun kehrt der Handel zurück - und Mächte aus Asien und vom Golf konkurrieren um geopolitischen Einfluss.

Von Bernd Dörries, Massawa

Früher sei das der beste Laden der Stadt gewesen, sagt Samuel. Er sitzt vor der Gold Navy Bar and Night Club in Massawa und macht ein Bier auf. Es ist zehn Uhr am Morgen und etwa 40 Grad heiß. Früher also, setzt Samuel noch einmal an, sei das hier das Paradies gewesen. Seeleute aus aller Welt seien gekommen, als im Hafen an der eritreischen Küste des Roten Meeres rund um die Uhr Schiffe einliefen. "Jeder hatte Arbeit", sagt Samuel. Heute hat er keine mehr und verbringt seine Tage vor der Gold Navy Bar. Von hier aus hat man einen guten Überblick, über den Zustand der Stadt, man sieht zerbombte Häuser und den Hafen, in dem nur ein paar Schiffe liegen. Man sieht auf leere Straßen, in denen jeder Schritt von den Wänden hallt. Man kann hier offenbar nicht viel mehr tun, als sich Gott zu widmen oder dem Alkohol. Beides verspricht zumindest Schatten, in der Bar oder der Moschee. Samuel macht noch ein Bier auf und seufzt: "Alles war mit dem Krieg zu Ende."

Nun ist der Krieg auf einmal zu Ende, Eritrea und Äthiopien haben Frieden geschlossen. Die beiden Länder haben vor wenigen Wochen einen Konflikt beendet, in dem es auch um Massawa ging, um den Zugang Äthiopiens zum Meer. Zwei Jahrzehnte hatten sich die beiden Länder bitter bekriegt, hatten 80 000 Menschen in sinnlosen Kämpfen verheizt, nun ist auf einmal alles vorbei. Bereits in dieser Woche sollen die ersten Güter aus Äthiopien im Hafen von Massawa verladen werden, der bis noch vor Kurzem dem Erzfeind gehörte. So teilte es gerade die äthiopische Seeschiffahrtsbehörde mit, eine Institution, die in den vergangenen Jahrzehnten keine Schiffe oder Häfen zu verwalten hatte. Viele Jahrzehnte hatten die Äthiopier ihren Kaffee in den beiden Häfen Assab und Massawa verladen, die einst zu Äthiopien gehörten und mit der Unabhängigkeit Teil Eritreas wurden. Ein paar Jahre florierte der Handel weiter, bis 1998 der Krieg begann. Seitdem ging es bergab mit Massawa.

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Niemand glaubte, dass es je wieder anders werden würde. Äthiopien baute eine 700 Kilometer lange Bahnstrecke nach Dschibuti, um seine Waren dort zu verschiffen. Mit dem Frieden wendet sich der Nachbar nun wieder den Häfen Eritreas zu, die von Äthiopien leicht zu erreichen sind.

"Wir sind bereit", sagt Dawit Mengestab, der oberste Manager des Hafens. Zum Beweis legt er eine kleine Broschüre auf den Tisch, in der die Daten des Hafens vermerkt sind, sechs Liegeplätze mit bis zu 208 Metern und ein Ölterminal. Das ist gar nicht schlecht. In vielen Teilen Eritreas sieht es nicht besonders gut aus mit der Infrastruktur, der Hafen von Massawa wurde in den vergangenen Jahren aber ausgebaut. "Viele Kräne wurden im Krieg zerstört, jetzt ist der Hafen wieder in einem sehr guten Zustand", sagt Dawit in seinem kühlem Büro, das eine der besten Klimaanlagen der Stadt zu haben scheint.

Massawa gilt als einer der heißesten Orte der Welt, die Temperaturen liegen an vielen Tagen über 40 Grad, es gibt wenig Schatten oder Wind. Dazu kommen Malaria und Dengue-Fieber. Das Klima wurde den italienischen Kolonialherren einst bald zu anstrengend, zehn Jahre lang hatten sie Massawa als Hauptstadt genutzt, danach zogen sie nach Asmara ins Hochland und bauten dort eine Stadt, die aussieht, als läge sie in Italien: Mit Straßencafés und Fiat-Händler, verbunden mit der Küste durch eine atemberaubende Bahnstrecke über 2394 Höhenmeter, mit 1548 Kurven, 35 Tunnels und 69 Brücken. Und weil es aus dem Hafen so viel ins Hochland zu transportieren galt, setzten sie eine 75 Kilometer lange Materialseilbahn daneben.

Massawa war immer Schnittstelle zwischen den Kontinenten - und dementsprechend umkämpft

Doch die wurde von den britischen Besetzern nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges abgebaut und in Einzelteilen verkauft, als Kriegsdividende. Die Eritreer fragte damals niemand, so wie sie in der Geschichte oft nicht gefragt wurden, nach ihren Wünschen oder Zielen.

Massawa war in der Geschichte immer eine Schnittstelle zwischen Afrika, Arabien und Europa. Im siebten Jahrhundert flohen Muslime über das Meer, die dem Propheten Mohamed als Erste gefolgt, aber in Mekka noch verfolgt wurden. Später kamen arabische Sklavenhändler, die hier die ersten Afrikaner verschifften, lange bevor die Europäer den Sklavenhandel auch für eine gute Idee hielten. Anschließend bauten die Osmanen riesige Paläste, es folgten portugiesische Entdecker, die italienischen Kolonialisten, dann Briten und einige Jahrzehnte äthiopische Herrschaft.

Es war ein ständiges Kommen und Gehen. Im Kalten Krieg war das Horn von Afrika eines der absurdesten Spielfelder der USA und der Sowjetunion. Mal rüsteten die USA Äthiopien auf, worauf die UdSSR Somalia zu seinem Verbündeten machte, dann war es wieder umgekehrt. Immer ging es auch um die strategisch wichtige Engstelle des Roten Meeres, den Zugang zum Suez-Kanal, das Tor zum ganzen Kontinent.

Es ist ein Wettbewerb, der in den vergangenen Jahren wieder aufgelebt ist und der durch den Frieden zwischen Eritrea und Äthiopien eine neue Dynamik bekommen wird. Es ist ein Konflikt, in dem die Fronten viel unübersichtlicher sind als damals im Kalten Krieg: Chinesen mischen mit, Europäer und die USA, Saudi-Arabien und Iran versuchen in ihrem Konflikt möglichst viele Partner auf ihre Seite zu ziehen.

Die Türkei, Iran und Katar nutzen Stützpunkte und Häfen im Sudan und in Somalia. Die andere Seite, die Saudis und die Scheichs der Emirate investieren in die Häfen von Eritrea, Dschibuti und Somaliland.

Es ist ein unübersichtliches Taktieren, in dem gerne auch einmal die Seiten gewechselt werden, so wie neulich, als der Sudan den langjährigen Partner Iran verstieß und die Saudis hofierte, weil man sich mehr Geld erhoffte. Das winzige Dschibuti, ein Nachbar Eritreas, hat Militärstützpunkte zum Geschäftsmodell gemacht. Länder von drei Kontinenten haben dort Soldaten stationiert: die USA, Frankreich, Spanien, Großbritannien, Japan, China, Deutschland und Saudi-Arabien. Manche von ihnen sind sich spinnefeind. "Es ist eine hochgiftige Mischung von Interessen, die hier zusammenkommt", sagt Saad Ali Shire, der Außenminister von Somaliland.

Die Frage ist, wie sich Eritrea mit seinen Häfen Massawa und Assab positionieren will. Fast jede Woche wird gerade eine neue Delegation empfangen, die gerne Zugang hätte zu Ostafrikas Küste. Keine kam aus Europa, der Fokus hat sich verschoben in den nahen und fernen Osten.

Es könne aber nur besser werden, sagt Yohannis Primo Gebremeskel. Der Sohn eines Italieners und einer Eritreerin hat in der Hauptstadt Asmara eine schöne Herberge im italienischen Stil und in Massawa das beste Hotel am Platz, einen riesigen weißen Bau, mit Blick auf das azurblaue Meer. Nur die Geschäfte laufen schlecht. "Keine Leute, keine Gäste, kein gar nichts", sagt Yohannis. Er hofft wie viele andere auf die große eritreische Diaspora, für die Massawa ein Symbol der Sehnsucht ist: Nach einem Land, das nach der Unabhängigkeit eigentlich so schön und reich werden sollte, wie Massawa es einmal war - und womöglich auch wieder wird. In wenigen Wochen sollen zumindest die ersten Direktflüge neue Touristen bringen.