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Afrika:Der Leuchtturmbau verschiebt sich

Wamkele Mene, Generalsekretär der Freihandelszone.

(Foto: oh)

Eine Freihandelszone soll dem Kontinent Wohlstand bringen. Doch wegen Corona ist der Start im Juli nicht möglich.

Das Jahr 1960 ging als das Jahr Afrikas in die Geschichte ein: Aus 17 Ländern wurden souveräne Staaten. Sie feiern in diesem Jahr sechzig Jahre Unabhängigkeit. Doch die Kolonialzeit wirft bis heute ihren Schatten auf den Kontinent. Der Handel ist nach wie vor von der Infrastruktur von damals geprägt, auch sind viele Staaten noch von ihren früheren Kolonialmächten abhängig. Hauptsächlich exportieren die Staaten Afrikas Primärrohstoffe in andere Kontinente - untereinander handeln sie hingegen kaum. Eine panafrikanische Freihandelszone soll den Handel auf dem Kontinent deshalb ankurbeln.

Die African Continental Free Trade Area (AfCFTA) gilt als eines der Leuchtturmprojekte der Afrikanischen Union (AU), da es das Potenzial des innerafrikanischen Handels ausschöpfen und mit 1,3 Milliarden Verbrauchern den größten neuen Handelsblock der Welt seit der WTO schaffen würde. Im Jahr 2015 begannen die langwierigen Verhandlungen über einen solchen Binnenmarkt, doch die Idee ist viel älter: Bereits 1991 formulierten die AU-Staaten das Ziel und legten im Vertrag von Abuja die Umsetzung fest.

Allerdings tritt diese gigantische kontinentale Freihandelszone nun nicht wie geplant von Juli an in Kraft. Wamkele Mene, Generalsekretär der afrikanischen Freihandelszone, sagte der Nachrichtenagentur Reuters, es sei "unter den gegenwärtigen Umständen nicht möglich, den Handel so aufzunehmen, wie wir es für den 1. Juli beabsichtigt hatten". Daten der Weltgesundheitsorganisation deuten zwar darauf hin, dass sich das Virus in Afrika langsamer verbreitet - etwa, weil die meisten Länder früh mit Ausgangsbeschränkungen reagierten. Laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) droht Afrika jedoch eine "beispiellose Gesundheits- und Wirtschaftskrise". Ökonomen rechnen mit dramatischen Langzeitfolgen. "Die Pandemie erreicht den Kontinent zu einer Zeit, in der viele Länder kaum Spielraum in ihren Budgets haben, was es den Politikern erschwert, darauf zu reagieren", sagte Abebe Aemro Selassie, IWF-Regionaldirektor für Afrika.

Während die Welt auf das Ende der Pandemie wartet, fürchten viele Afrikaner weniger die Krankheit als die dauerhaften Auswirkungen des Virus auf die regionale Wirtschaft. Viele sind daher besorgt darüber, dass die Freihandelszone AfCFTA erst einmal nicht in Kraft tritt, denn sie wurde schon vor der Corona-Krise dringend gebraucht: Unter anderem tragen Bürokratie und komplizierte, uneinheitliche Ausfuhrbestimmungen zu einem niedrigen Anteil des innerafrikanischen Handels am gesamten afrikanischen Handelsvolumen bei: gerade einmal 17 Prozent. In Asien ist dieser Anteil viel höher. Der kontinentale Handel macht dort 49 Prozent des gesamten Handelsvolumens aus. Die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit kommt daher zu dem Schluss, die Staaten Afrikas haben sich schneller mit dem Rest der Welt verbunden als untereinander.

Außer Eritrea unterzeichneten alle AU-Mitgliedstaaten das Abkommen - auch Nigeria, Afrikas größte Volkswirtschaft. Für den Primus in Westafrika ist die Verzögerung eine schlechte Nachricht. Seit Jahresbeginn verzeichnet das Land einen Rückgang der Ölpreise um rund die Hälfte. Hinzu kommen die wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus. Der IWF erwartet, dass die Wirtschaft Nigerias in diesem Jahr um 3,4 Prozent schrumpfen wird. Nicht nur dort, auch in anderen Ländern des Kontinents wurden Lieferketten, besonders im Agrarsektor, schwer getroffen.

Vor allem aber legte das Virus den Geldtransfer der Diaspora lahm. Jedes Jahr senden im Ausland lebende Afrikaner Milliarden Dollar an ihre Familien. Jetzt, wo viele ihre Jobs, etwa in der Gastronomie, verloren haben und keine Ersparnisse mehr nach Hause schicken können, trocknen auch die Geldströme aus - Schätzungen der Weltbank zufolge um bis zu 20 Prozent. Das ist gefährlich, weil ein Expat mit seinen Hilfszahlungen bis zu vier Personen in der Heimat ernährt. Insgesamt ist diese Summe dreimal so hoch wie die gesamte Entwicklungshilfe für Afrika.

Zudem wird gerade während der Pandemie deutlich, wie schnell viele Menschen hungern müssen, wenn der informelle Sektor zusammenbricht und Grenzen geschlossen sind. Das Welternährungsprogramm der UN warnte gar vor einer "Hungerpandemie". Eine Freihandelszone würde nicht nur den Handel untereinander mit Waren, Dienstleistungen und geistigem Eigentum vereinfachen: Nach Ansicht von Experten könnte AfCFTA darüber hinaus auch das Wachstum der afrikanischen Landwirtschaft fördern und extreme Schwankungen bei den Lebensmittelpreisen verhindern. So hätte die Freihandelszone sogar einen positiven Effekt für die Ernährungssicherheit auf dem Kontinent - wenn sie denn einmal in Kraft tritt.

© SZ vom 30.05.2020

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