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Corona-Pandemie in Afrika:Test für die Gerechtigkeit

Ein Bewohner des Alexandra-Townships im südafrikanischen Johannesburg wird auf das Virus getestet – noch geschieht das zu selten.

(Foto: Jerome Delay/AP)

In der Corona-Krise gibt es Probleme mit dem Nachschub. Reiche Länder kauften den ärmeren Staaten medizinisches Gerät weg, heißt es. Aber stimmt das?

Von Bernd Dörries, Kapstadt

Vielleicht werden die Friedhöfe nicht ausreichen. Fünf Flächen hat die Verwaltung von Kapstadt schon ausgesucht, auf denen zusätzliche Gräber gegraben werden könnten, für die große Zahl der Toten, die durch Covid-19 erwartet werden.

Bis zu 9000 sollen es in der Provinz Westkap sein, einer Region um Kapstadt mit etwa sechs Millionen Einwohnern. Lange war die Zahl der Infektionen in Südafrika niedrig gewesen, hatten manche das Gefühl, verschont zu werden.

Die Regierung hatte schnell und entschlossen reagiert, bereits am 26. März harte Ausgangssperren verhängt. Etwas mehr als drei Monate später steigen die Fälle rasant an. Südafrika befindet sich fast täglich unter den weltweit fünf Ländern mit den meisten neuen Fällen, insgesamt fast 200 000 sind es nun.

Die Gründe sind vielfältig, der Lockdown wurde gelockert, mittlerweile sind sogar Friseurbesuche wieder erlaubt, Restaurants öffnen - einfach, weil Millionen Menschen Arbeit brauchen, um am Abend etwas zu essen zu haben. Dadurch wächst aber auch die Gefahr der Infektionen.

Vor allem aber wird auch Monate nach dem Ausbruch der Pandemie zu wenig getestet. In den Labors des Landes stapelten sich noch vor wenigen Wochen teilweise Zehntausende Tests, es brauchte bis zu 14 Tage, um ein Ergebnis zu bekommen. Ein langer Zeitraum, in dem ein Erkrankter viele weitere Personen anstecken kann. Mittlerweile hat sich die Situation verbessert, es gibt aber weiter ungenützte Kapazitäten.

Bereits im März hatte das Gesundheitsministerium angekündigt, 67 moderne mobile Labors in die Provinz zu schicken. Die Kleinbusse waren für Tests auf Tuberkulose angeschafft worden, die Diagnostik-Apparate können aber auch Covid-19 feststellen. Dennoch stehen Busse ungenutzt herum, weil es an Testkits fehlt. So wie im ganzen Land.

Südafrika und der Kontinent ständen "am Ende der Hackordnung", wenn es um die Beschaffung von medizinischem Material gehe, sagte Wolfgang Preiser, Professor für medizinische Virologie an der Universität Stellenbosch im April.

Die einen klagen, sie hätten zu wenige Corona-Tests. Andere könnten mehr herstellen

Die reichen Länder kaufen den ärmeren das medizinische Gerät weg, ist eine Klage, die man oft hörte aus jenen Staaten, die keine großen Gesundheitsbudgets haben. Nur stimmt sie auch, nach mehr als vier Monaten Pandemie?

Die SZ hat mit Experten und Behörden in Deutschland und Sub-Sahara-Afrika gesprochen, um die Frage zu klären, wer wie viele Testkits braucht und schließlich bekommt.

"Es gibt eine globale Knappheit an Testkits", sagt der Sprecher des Nationalen Gesundheitslabors in Südafrika. Es gibt weltweit zu wenig Testkits, sagt das WHO-Regionalbüro für Afrika.

"Wir könnten drei Millionen Tests pro Woche herstellen. Aktuell sind die Bestellungen zurückgegangen. Wir stellen weniger als eine Million pro Woche her", sagt Olfert Landt, Chef eines großen Herstellers in Berlin.

Wie passt das zusammen? Die einen klagen, sie hätten zu wenig. Der andere könnte mehr herstellen.

Olfert Landt hat mit seiner Firma TIB Molbiol seit Jahrzehnten so ziemlich jeden Virenausbruch auf der Welt begleitet, von der Schweinegrippe bis zu Ebola. Er hat bereits im Januar mit der Produktion von Testkits begonnen, als die meisten noch nicht einmal vom Coronavirus gehört hatten. Er kommt aus einer Zeit, in der viele Arbeitsschritte im Labor noch per Hand gemacht wurden, heute erledigen halb- oder vollautomatische Diagnostikgeräte viele Arbeitsschritte. Südafrikas oft moderne Labore haben viele dieser automatischen Geräte, die ein wenig aussehen wie riesige Kopiergeräte, die aber den Nachteil haben, dass sie nur mit den Testkits der Gerätehersteller funktionieren.

Probleme mit dem Nachschub gibt es beispielsweise für Diagnostikgeräte der Firma Roche, einem der größten Pharmakonzerne der Welt. Mittlerweile stellen zwar 740 Unternehmen auf der Welt Testkits für Covid-19 her, auf den Produkten von Roche laufen aber nur Testkits aus dem gleichen Hause. "Die Zuteilungsstrategie von Roche soll sicherstellen, dass unsere Tests dort verfügbar sind, wo sie am meisten benötigt werden und wo sie am effektivsten sein können.

Auf Basis des höchsten Bedarfs geben wir den Kunden und Laboratorien den Vorzug, die aufgrund ihrer Ausstattung am besten in der Lage sind, diese Tests durchzuführen", teilt der Konzern mit, genaue Zahlen nennt er nicht. Bisher entscheiden also die Hersteller, wer was wann bekommt. Es gibt keine unabhängige Instanz, die schlichten oder eingreifen kann. Keine globale Datenbank, an der man den Bedarf einzelner Länder und Regionen mit den Produktionskapazitäten vergleichen kann.

"Wir brauchen mehr Transparenz", sagt Jan Felix Drexler, Professor am Institut für Virologie an der Charité in Berlin. Für ein Projekt in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) reiste er vor wenigen Wochen nach Togo in Westafrika, um dort die Laborkapazitäten zu verbessern und Mitarbeiter zu schulen. "Es ist heroisch, was viele Labore in Afrika leisten", sagt Drexler.

Zu Beginn der Pandemie konnten in Sub-Sahara-Afrika lediglich Südafrika und Senegal auf Covid-19 testen, mittlerweile ist das in fast allen 49 Staaten möglich. Auch wenn es bisher noch viel zu wenig passiert. Während es in Deutschland mittlerweile etwa 70 000 pro Tag sind und Südafrika an guten Tagen auf 45 000 Tests kommt, kann das 200-Millionen-Einwohner Land Nigeria bisher nur etwa 2500 Tests am Tag vornehmen.

"In vielen afrikanischen Ländern sind die Kapazitäten schwach, was auch an den Ländern liegt. Viele Eliten, ausgebildete Ärzte haben die Länder verlassen, weil die Chancen auf beruflichen Aufstieg in Europa größer sind", sagt Drexler. Andere Staaten sind schlicht so arm, dass sie sich überhaupt keine Infrastruktur leisten konnten. Das krisengebeutelte Somalia besaß bis vor Kurzem kein einziges Beatmungsgerät.

Für solche Länder ist es oft schwierig, Testkits aus eigener Tasche zu bezahlen, die hier zudem viel teuerer sind als in Europa. "Die meisten Hersteller haben in Sub-Sahara-Afrika keine eigene Logistik, was die Verteilung verteuert. Die Preise liegen teilweise mehr als 100 Prozent über dem Rest der Welt."

Eigenes Einkaufsportal

Die Afrikanische Union (AU) hat deshalb vor knapp zwei Wochen ein eigenes Einkaufsportal gestartet und will sich dann mit Fluglinien wie Ethiopian Airlines auch um die Verteilung kümmern. Die Bestellung gehen am AU-Hauptsitz in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba ein und werden gesammelt, um bei den Pharmakonzernen mit größeren Mengen bessere Preise und schnellere Lieferzeiten zu bekommen. Stiftungen wie die von Melinda und Bill Gates spenden Geld und Material.

"Wir haben noch Tests vorrätig", sagt John Nkengasong, der Chef des Africa Center for Disease Control, das zur Afrikanischen Union gehört. Gegründet im Jahr 2017 ist es eine Erfolgsgeschichte. Seitdem habe man auf 17 Ausbrüche in 15 verschiedenen Staaten reagiert. Etwa 60 seiner Mitarbeiter haben die Regierung der Demokratischen Republik Kongo beraten, die vor wenigen Tagen den Sieg über Ebola verkündete.

Corona ist nun eine völlig andere Dimension, aber Nkengasong und seine Kollegen haben viel Lob für ihre schnelle Reaktion bekommen, die auch dazu beitrug, dass in Afrika bisher nur etwa 450 000 Fälle zu verzeichnen sind, bei allerdings stark ansteigenden Infektionszahlen. "Das Testen ist unsere Achillesferse", sagt Nkengasong. "Wir wollen in den nächsten Monaten mindestens ein Prozent der Bevölkerung des Kontinents testen." Das wären etwa zwölf Millionen Einwohner.

Ein weiter Weg, für den noch viele Testkits fehlen. Zwar habe sich die Verfügbarkeit verbessert, sagt Nkengasong, es blieben aber Lieferengpässe bestehen. So müsse auch überlegt werden, die Kopplung von Diagnostikgeräten an die Testkits vom selben Hersteller "aufzubrechen". Denn nur, wenn überall auf der Welt ausreichend getestet werden kann, könne das Virus auch auf der ganzen Welt besiegt werden. "Wir sitzen alle in einem Boot."

© SZ vom 07.07.2020
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