Afghanistan:"Wir haben die Lage falsch eingeschätzt"

Afghanistan: Viele Afghanen wollen nach der Machtübernahme der Taliban nicht mehr im Land bleiben. Tausende stürmten das Rollfeld am Kabuler Flughafen und versuchten, an Bord einer Maschine zu gelangen - dabei soll es auch Tote gegeben haben.

Viele Afghanen wollen nach der Machtübernahme der Taliban nicht mehr im Land bleiben. Tausende stürmten das Rollfeld am Kabuler Flughafen und versuchten, an Bord einer Maschine zu gelangen - dabei soll es auch Tote gegeben haben.

(Foto: AFP)

Nach der raschen Eroberung Kabuls durch die Taliban räumt die Bundesregierung Fehler ein. Tausende wollen Afghanistan verlassen, am Flughafen der Hauptstadt bricht Chaos aus.

Von Tomas Avenarius und Stefan Braun, Istanbul/Berlin

Während die Taliban Afghanistan nach der Eroberung Kabuls in eisernen Griff nehmen, hat die Bundesregierung gravierende Fehler eingeräumt. Außenminister Heiko Maas sagte in Berlin, es gebe nichts zu beschönigen: "Wir haben die Lage falsch eingeschätzt." Das gelte für Deutschland, die Geheimdienste und die internationale Staatengemeinschaft gleichermaßen. Maas betonte, an einem Tag wie diesem gebiete es die Ehrlichkeit, dies einzugestehen. Der SPD-Politiker sagte, die Bilder von den verzweifelten Menschen am Flughafen in Kabul seien außerordentlich schmerzhaft. Deutschland werde nichts unversucht lassen, so viele Menschen wie möglich aus der katastrophalen Lage zu retten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete die Entwicklung in Afghanistan als "bitter, dramatisch und furchtbar". Abgesehen vom Kampf gegen den Terrorismus sei alles "nicht so geglückt und nicht so geschafft worden, wie wir uns das vorgenommen haben", sagte die CDU-Politikerin in Berlin. Es gelte nun zunächst, sich um die Rettung derer zu bemühen, "die uns sehr direkt geholfen haben".

Die afghanischen Ortskräfte, die mit Bundeswehr und Bundespolizei zusammengearbeitet hätten, umfassten mit Familien etwa 2500 Personen; 1900 von ihnen seien bereits nach Deutschland oder in sichere Drittländer gebracht worden, so Merkel. Nun bemühe sich die Bundesregierung, etwa 1500 Mitarbeiter aus der Entwicklungshilfe und von Nichtregierungsorganisationen aus Afghanistan zu holen. Knapp 600 von ihnen hätten sich bislang gemeldet. Am Montagmorgen waren drei Maschinen der Bundeswehr nach Kabul aufgebrochen, doch die Bedingungen dort seien "extrem schwierig".

Am internationalen Airport von Kabul, der von US-Truppen bewacht wird, kam es bei der Evakuierung von Botschaftspersonal zum Chaos. Tausende vor den Taliban fliehende Afghanen stürmten das Flugfeld, um einen Platz in einer der Maschinen zu bekommen. US-Soldaten gaben Schüsse ab, es kamen der Nachrichtenagentur Reuters zufolge bis Montagabend fünf Menschen ums Leben. Unklar war, ob sie erschossen oder von der Menge erdrückt wurden. Andere Menschen, die sich offenbar an startenden Maschinen festgehalten oder im Fahrwerk versteckt hatten, sollen umgekommen sein, als sie aus großer Höhe zu Boden stürzten.

Internetvideos zeigten Menschen, die an den Einstiegsbrücken hochklettern, um in die Flieger zu gelangen, oder die geöffneten Laderampen von Militärmaschinen stürmen. Wegen der Menschenmassen auf dem Rollfeld konnten Maschinen, mit denen das Botschaftspersonal ausgeflogen werden sollte, stundenlang nicht starten. Zeitweise musste der Flugbetrieb eingestellt werden. Wenige Stunden zuvor hatten die Taliban den Krieg in Afghanistan für beendet erklärt. Einer der Führer, Mullah Abdul Ghani Baradar, postete: "Mit so einem Sieg haben wir nie gerechnet. Wir müssen uns Allah gegenüber demütig zeigen."

China ist zu "freundlichen Beziehungen" zu den Taliban bereit

Nachdem am Sonntag die Hauptstadt gefallen und Präsident Aschraf Ghani ins Ausland geflohen war, schien sich am Montag im Land kein Widerstand mehr zu regen. Wie die förmliche Übergabe der Macht vollzogen und ob dabei auch andere Gruppen als die Taliban einbezogen werden sollten, blieb aber offen. Die Taliban erklärten, man wolle eine "inklusive islamische Regierung" und strebe normale Beziehungen zur Staatengemeinschaft an. Es werde keine Rache an Regierungsanhängern geben. Die Rechte der Frauen würden - in Übereinstimmung mit der Scharia - geachtet, "Leben, Besitz und Ehre" aller Afghanen geschützt.

Afghanistan: Viel früher am Ziel als erwartet: Wenige Stunden nach der Flucht von Aschraf Ghani haben Taliban-Kämpfer die Hauptstadt Kabul eingenommen.

Viel früher am Ziel als erwartet: Wenige Stunden nach der Flucht von Aschraf Ghani haben Taliban-Kämpfer die Hauptstadt Kabul eingenommen.

(Foto: Wakil Kohsar/AFP)

Trotz der sich abzeichnenden Bedrohung für Frauen, Minderheiten und ehemalige Regierungsanhänger stellten sowohl die USA als auch Großbritannien klar, dass sie sich nicht erneut militärisch einschalten würden. China hingegen ließ erkennen, dass es zu "freundlichen Beziehungen" zu den Taliban bereit sei. Die radikalen Islamisten hatten das Land in nur zwei Wochen komplett überrannt. Dem Zusammenbruch vorausgegangen war der von Washington vorangetriebene Abzug der internationalen Truppen, die seit 20 Jahren im Land waren.

Viele Afghanen befürchten, dass die Islamisten nun zu ihrem drakonischen Scharia-Regime zurückkehren, das sie von 1996 bis 2001 ausgeübt hatten. Die Unterdrückung der Frau, das Fehlen von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit, härteste Körperstrafen und die Zusammenarbeit mit der Terrorgruppe al-Qaida hatten die Taliban-Herrschaft gekennzeichnet.

"Wir werden in den kommenden Wochen schreckliche Bilder sehen. Hinrichtungen", sagte der Kanzlerkandidat der Union, Armin Laschet, in einer Sitzung des CDU-Vorstands. Er bezeichnete die erneute Machtübernahme durch die Taliban als "größtes Debakel" in der Geschichte der Nato. Was in Afghanistan geschehe, sei eine "politische und humanitäre Katastrophe". Jetzt müsse Europa die Nachbarstaaten schnell und umfassend unterstützen.

Kramp-Karrenbauer kündigt weitere Rettungsflüge an

Laschet forderte zwar schnelle Hilfe, konkrete Zahlen bei der möglichen Aufnahme von Ortskräften oder Flüchtlingen nannte er aber nicht. Stattdessen betonte er, dass sich das Jahr 2015 nicht wiederholen dürfe. SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz wollte sich ebenfalls auf keine Zahlen festlegen. Er betonte, jetzt gehe es vor allem darum, den Fehler von 2015 nicht zu wiederholen und die Nachbarstaaten angemessen zu unterstützen. Zuvor hatte die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, für mehr Großzügigkeit bei der Aufnahme geworben. Ähnlich äußerte sich der frühere Außenminister Joschka Fischer. Angesichts der Geschichte des Einsatzes und der Lage im Land "sind wir zu einer großen humanitären Geste verpflichtet". Sowohl afghanische Ortskräfte als auch Zivilisten und Geflüchtete müssten großzügig in Sicherheit gebracht werden.

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) kündigte weitere Rettungsflüge an. Solange es möglich sei, werde man "so viele Menschen wie möglich aus Kabul, aus Afghanistan herausholen", sagte sie. Wie Laschet und Scholz kündigte sie an, dass der Bundestag diesen Einsatz sehr schnell bestätigen werde. Man werde ein robustes Mandat für einen robusten Einsatz brauchen, so Kramp-Karrenbauer.

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