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Afghanistan:Von Frieden keine Spur

Nach einer Reihe strategischer Fehler ziehen die Vereinigten Staaten bis November den Großteil ihrer Soldaten vom Hindukusch ab. Amerika überlässt damit das Land sich selbst, den Taliban und nicht zuletzt der Gefahr eines Bürgerkriegs.

Von Tobias Matern

Die beste Methode, um einen Krieg zu beenden, der nicht zu gewinnen ist? Ihn gar nicht erst anzufangen. Die zweitbeste? Die Kriegsparteien müssen zur Einsicht gelangen, ihre Situation nicht mehr verbessern zu können. Sie müssen das Gefühl haben, dass das Leiden unter dem Konflikt größer ist als die Chance, der anderen Partei noch etwas abtrotzen zu können. Dann schlägt die Stunde der Diplomatie: Hartes Verhandeln steht an, mit militärischem Druck im Rücken, um notfalls einer zaudernden Kriegspartei deutlich zu machen, dass sie sich nur schadet, wenn sie nicht endlich Kompromisse eingeht. So lässt sich nicht nur Blutvergießen stoppen; im besten Fall lässt sich so ein stabiler Frieden auf den Weg bringen.

In Afghanistan ist diese Perspektive nicht zu erkennen - auch wenn afghanische Regierung und die Taliban nun endlich Gespräche aufnehmen wollen.

Fast 20 Jahre nach Beginn des Einsatzes wird immer deutlicher: Aufwand und Ertrag in diesem Krieg stehen in keinem Verhältnis mehr. Der Westen hat zwar die Taliban 2001 innerhalb kurzer Zeit gestürzt. Aber die US-Armee und in ihrem Gefolge die verbündeten Truppen haben es nicht geschafft, sie militärisch zu bezwingen. Die Islamisten sollen nun wieder einen Teil der Macht zurückerhalten und können den Preis dafür immer weiter in die Höhe treiben. So wie die USA diesen Krieg abwickeln, werden sich die Taliban sicher auch mit der Frage beschäftigen, warum sie sich eigentlich nur mit einem Teil der Macht abfinden sollen.

In eine lange Kette strategischer Fehler fügt Washington nun ein weiteres Glied ein - bis November zieht die Regierung weitere Soldaten ab, dann bleibt nur noch ein kleines Restkontingent. Präsident Donald Trump kann das im Wahlkampf für sich nutzen, schließlich war er angetreten mit dem Versprechen, Amerikas "endlose" Kriege zu beenden.

Der afghanische Präsident Aschraf Ghani spürt, dass ihm seine Schutzmacht abtrünnig wird. Er versucht, die Taliban milde zu stimmen, indem er Tausende ihrer Kämpfer aus den Gefängnissen entlässt. Ihm bleibt auch kaum eine andere Wahl, als solche Konzessionen zu machen, die eigentlich Teil seiner Verhandlungsmasse mit den Taliban sein müssten. Aber die USA haben mit den Aufständischen schon einen Abzug vereinbart, ohne dass Ghani hätte mitreden dürfen. Washington hat dem Präsidenten einen Deal eingebrockt, der die Position seiner Emissäre bei den Friedensgesprächen schwächt. Ghani ist in der Zwickmühle - und er hat Zeitdruck: Der Westen geht, die Taliban bleiben. Eine Vereinbarung mit ihnen muss her, und zwar schnell. Es ist kein Zufall, dass die Islamisten auch kurz vor den Verhandlungen Anschläge in Regionen verüben, die bisher als sicher galten. Sie sehen, dass der militärische Druck des Gegners geringer wird. Der afghanische Vizepräsident ist nur knapp einem Anschlag entgangen, zehn Menschen in seinem Umfeld sind dabei jedoch gestorben. Zwar bestreiten die Taliban, dafür verantwortlich zu sein, aber offenbar gibt es genug Kräfte, die den Friedensprozess torpedieren wollen. Es kann sein, dass bald der Krieg in Afghanistan beendet wird, zumindest der Krieg mit westlicher Beteiligung. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass das Land danach in den nächsten Krieg, einen Bürgerkrieg, stürzt, steigt mit jeder Fehlentscheidung des Westens.

© SZ vom 11.09.2020

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