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Afghanistan und die Bundeswehr:Viel Verständnis

Wenn Zivilisten sterben, geht normalerweise ein Aufschrei durch Afghanistan. Doch nach dem folgenschweren Nato-Luftangriff nahe Kundus gibt es kaum Kritik an der Bundeswehr.

Normalerweise gibt es in Afghanistan nach Luftangriffen einen Aufschrei, weil dabei meist auch Zivilisten sterben. Die Menschen am Hindukusch fühlen sich dann in ihrem Misstrauen gegen die ausländischen Truppen bestärkt. Sie betrachten vor allem die Amerikaner mit Abneigung, die im Kampf gegen die Taliban schon häufig Bomben abgeworfen haben.

Eine Woche nach dem vom deutschen Oberst Georg Klein angeforderten Luftangriff auf zwei von den Taliban in Kundus gekaperte Tanklaster herrscht in Afghanistan jedoch wesentlich weniger Aufregung als in Deutschland und bei den Nato-Partnern.

Das hat auch mit dem Vormarsch der Extremisten zu tun. Gerade in die Provinz Kundus, in der die Deutschen stationiert sind, sickern die Militanten zunehmend ein - weil sie die Bundeswehr als schwächstes Glied in der Allianz betrachten und im Süden von den US-Truppen intensiver bekämpft werden. Ganze Gebiete beherrschen die Militanten inzwischen. "Die Sicherheitslage hat sich in letzter Zeit immer mehr verschlechtert", sagt ein Bewohner aus Kundus.

Mohammed Omar, Gouverneur der Provinz, zögerte nicht lange, die Bundeswehr kurz nach der Bombardierung der Tanklastzüge ausdrücklich für die Aktion gegen die Taliban zu loben. Durch den angeordneten Luftschlag habe sie nun Stärke bewiesen. Afghanische Ermittler nannten den Angriff legitim. Sie gehen davon aus, dass dabei 82 Menschen getötet worden sind, mindestens 45 davon Taliban-Kämpfer. Allerdings sei schwer zu klären, wer Extremist und wer Zivilist sei, sagte ein afghanischer Generalleutnant. Tatsächlich ist dies nicht so leicht möglich in einer Region, in der viele Männer lange Bärte und fast alle das klassische Gewand Shalwar Kamiz tragen.

Zusätzlich zu der Nato hat auch die Regierung in Kabul eine dreiköpfige Kommission entsandt, die den Vorfall von Freitagnacht rekonstruieren soll. Ermittlungsergebnisse wollen sie an diesem Samstag veröffentlichen. Die Kommission identifiziert nach eigener Darstellung die Getöteten erst als Taliban, wenn dies mehrere lokale Quellen bestätigt haben.

Das Verteidigungsministerium erklärte hingegen bereits kurz nach dem Angriff, 56 Menschen seien getötet worden - allesamt Aufständische. Die Menschen am Hindukusch reagieren dieses Mal nach Ansicht von Beobachtern wesentlich gelassener als bei früheren Angriffen, die das Leben von Zivilisten forderten.

Das hat auch mit der neuen Strategie des Nato-Oberkommandierenden in Afghanistan, Stanley McChrystal, und dessen Informationspolitik zu tun. "So viel Offenheit im Umgang mit einer solchen Attacke ist neu - und es ist aus Sicht der Menschen hier gut", sagte ein Mitarbeiter der afghanischen Menschenrechtskommission. Zuvor hätten die Afghanen stets das Gefühl bekommen, die Allianz wolle tragische Vorfälle vertuschen.

"Wir können uns selbst besiegen"

McChrystal setzte auf eine regelrechte Medienkampagne. Er bedauerte im afghanischen Fernsehen das von der Bundeswehr initiierte Bombardement. Bereits am Samstag, kurz nach dem Angriff, tauchte er am Tatort auf, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Dabei düpierte der General den deutschen Oberst Klein, weil er einen Reporter der Washington Post nah am Geschehen recherchieren ließ - irritierend in einem Bündnis, das sich sonst um gemeinsame Außendarstellung bemüht.

In der Post erschienen die Deutschen als unfähig, der Angriff sei mit der neuen Direktive McChrystals nicht in Einklang zu bringen. "Wir müssen die Leute vor Nötigung und Gewalt schützen - und in einer Art und Weise vorgehen, mit der wir ihre Unterstützung gewinnen", hatte der General im Juli die neue Strategie begründet. Die Truppen müssten darauf achten, das Leben von Zivilisten über das Erreichen taktischer Erfolge zu stellen. Ohne die Unterstützung der Menschen lasse sich der Kampf nicht gewinnen. "Die Taliban können uns militärisch zwar nicht besiegen - aber wir können uns selbst besiegen", schrieb McChrystal.

Präsident Hamid Karsai bemängelte im der französischen Zeitung Le Figaro, der Luftangriff sei eine heftige "Fehleinschätzung" gewesen. Statt Bomben abwerfen zu lassen, hätten Bodentruppen die Lage erkunden müssen. Aber mehr Kritik gab es aus Kabul bisher nicht. Außenminister Rangin Spanta zeigte Verständnis für das Vorgehen der Bundeswehr, die sich bedroht gefühlt habe. Die Taliban hätten Dorfbewohner geweckt; diese sollten die feststeckenden Tanklastzüge aus dem Schlamm befreien. Die Militanten hätten den Tod von Zivilisten einkalkuliert. Sie versuchten so, die Bundestagswahl zu beeinflussen, um einen Abzug der Soldaten zu provozieren.