Süddeutsche Zeitung

Kampf gegen Taliban:Der afghanische Knoten

Die Nato bildet nun Spezialkräfte in der Türkei aus, doch im Kampf gegen die Taliban wird das der Kabuler Regierung nicht reichen. Die Anrainerstaaten haben die Islamisten bereits als neuen Machtfaktor Afghanistans akzeptiert.

Von Matthias Kolb und Tobias Matern, Brüssel/München

Nach der Entscheidung von US-Präsident Joe Biden war klar: Mit dem Abzug der US-Soldaten aus Afghanistan endet auch die Nato- Ausbildungs-, Beratungs- und Unterstützungsmission "Resolute Support", der Nachfolger der Isaf. Dass die Unterstützung der Allianz für die afghanische Zivilgesellschaft, die Regierung sowie ihre Streitkräfte weitergehen soll, hatten Biden und die 29 anderen Staats- und Regierungschefs bei ihrem Gipfel Mitte Juni bekräftigt. Im Abschlusskommuniqué gaben sie als Ziel aus, "die hart errungenen Fortschritte der letzten zwanzig Jahre zu wahren". Ein hehres Ziel, das seit dem westlichen Abzug auf dem Spiel steht.

Nun zeigt die Nato, wie sie diesen Plan unter anderem mit Inhalten füllen will: Wie zuerst die Nachrichtenagentur dpa berichtete, wurden Mitglieder der afghanischen Spezialeinheiten für ein Trainingsprogramm in die Türkei geflogen. Nach SZ-Informationen geht es um einige Dutzend Soldaten, was die Nato-Zentrale in Brüssel jedoch nicht bestätigen wollte. Die afghanische Armee steht unter immensem Druck der Taliban; besonders seit dem Abzug der verbliebenen westlichen Truppen haben die Islamisten enorme Landgewinne zu verzeichnen und kontrollieren inzwischen mehr als die Hälfte des Territoriums.

Ein Nato-Sprecher wollte am Donnerstag "aus Sicherheitsgründen" keine Details über den genauen Ort und die Inhalte der Ausbildung nennen. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hatte am Dienstag mit Afghanistans Präsident Aschraf Ghani telefoniert und anschließend neben finanzieller Unterstützung auch das "Training außerhalb des Landes" erwähnt.

Wie massiv die Taliban sich durch ihr zähes diplomatisches Verhandeln und ihre unvermindert harte militärische Kriegsführung auf das internationale Parkett gebracht haben, verdeutlicht der Besuch einer Taliban-Delegation um Vizechef Mullah Abdul Ghani Baradar am Mittwoch: Chinas Außenminister Wang Yi empfing die Gruppe höchstpersönlich und in deutlich entspannterer Atmosphäre als einige Tage zuvor die stellvertretende US-Außenministerin Wendy Sherman, die ziemlich lange auf ein Treffen mit Wang warten musste.

Peking verspricht, sich in innerafghanische Angelegenheiten nicht einzumischen

Die Taliban versprachen in Peking, von afghanischem Boden werde keine Gefahr für andere Länder ausgehen. Und ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums betonte, Peking werde sich nicht in die inneren Angelegenheiten Afghanistans einmischen. Das afghanische Volk habe nun die Möglichkeit, die Entwicklung der Nation selbst in die Hand zu nehmen. Der überhastete Abzug des Westens nimmt der afghanischen Bevölkerung allerdings einiges aus der Hand. Die Taliban, die bereits Zölle an Grenzposten kassieren, lehnen beispielsweise Wahlen als angeblich unislamisch ab.

Auch berichten Frauenrechtlerinnen und Demokratie-Aktivisten, sie stünden auf Todeslisten der Taliban. Die USA haben zwar eine eigene, bilaterale Vereinbarung mit den Islamisten über den Abzug getroffen, allerdings nicht darauf gepocht, dass sie auch mit der Regierung von Präsident Aschraf Ghani Frieden schließen muss. Der Staatschef steht nun vor der Mammutaufgabe, ohne militärischen Druck des Westens die Taliban an den Verhandlungstisch bekommen zu müssen.

Dass der Abzug vor allem zu Lasten der Zivilbevölkerung geht, verdeutlichen auch neue Zahlen der Vereinten Nationen: Im ersten Halbjahr dieses Jahres sind demnach so viele Afghaninnen und Afghanen verwundet und getötet worden wie nie seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2009. Am gleichen Tag, an dem das Treffen der Taliban mit Chinas Außenminister stattfand, betonte Deborah Lyons, die Chefin der UN-Mission in Kabul, falls die Taliban am Verhandlungstisch mit der afghanischen Regierung keinerlei Bewegung zeigten, würden sie "nicht als brauchbarer Partner für die internationale Gemeinschaft gesehen". Ein Satz, der durch das Treffen in Peking indes arg relativiert wurde.

In Kabul ist die Sorge groß, dass die Islamisten die ganze Macht im Land anstreben. Nach wie vor verweigern sie sich ernsthaften Verhandlungen mit der afghanischen Regierung. In der Region arrangieren sich auch andere Anrainer längst mit den Islamisten als neuem, altem Machtfaktor Afghanistans. Pakistans Militär-Establishment pflegt traditionell enge Bande mit den Taliban und lässt ihre Führung nach wie vor von pakistanischem Boden aus operieren.

Diese engen Beziehungen rufen die indische Regierung auf den Plan. Delhi bemüht sich, die Regierung Ghani und die afghanische Armee zu unterstützen. US-Außenminister Antony Blinken sagte bei einem Besuch in der indischen Hauptstadt, Afghanistan werde ein international geächteter "Pariastaat", falls die Taliban gewaltsam die Macht ergriffen. Warum die US-Regierung vor ihrem Abzug die Taliban nicht zu einer friedlichen Lösung mit Präsident Ghani gebracht hat, um genau dies zu verhindern - darauf ging Blinken indes nicht ein.

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