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Afghanistan: Todenhöfer in Tora Bora:Eine Bergreise zum Führer der Taliban

Der einstige CDU-Politiker und Verlagschef Todenhöfer redete in den Bergen Afghanistans mit einem Taliban-Chef. Jetzt fordert er Verhandlungen und Rückzug bis 2012.

Er war in den afghanischen Bergen von Tora Bora, dort, wo den Amerikanern Osama bin Laden im Jahr 2002 entwischte. Das ist ein ungewohntes Gebiet für einen Deutschen, der erzkonservativer CDU-Politiker war, jahrelang die Geschäfte in einem Verlag für bunte Blätter führte und Buchbestseller schrieb.

Der Reisende war auch schon früher in Afghanistan, als die Mudschaheddin gegen die Sowjets kämpften, die einstige Besatzungsmacht - und traf nun einen ranghohen Taliban. Jetzt brachte Jürgen Todenhöfer seine Tora-Bora-Reportage zu Papier - ruft den Westen darin auf, Afghanistan bei den Verhandlungen mit dessen Nachbarn und den Taliban zu unterstützen, "egal, wie lange deren Bärte sind".

Todenhöfer, einst entwicklungs- und rüstungspolitischer Sprecher der CDU im Bundestag, redete mit Mullah Nasrat, dem dritthöchsten Taliban. Seine Conclusio, ausgebreitet in der Frankfurter Rundschau: "Geduldige, mitunter auch zähe Gespräche könnten uns viele Jahre Krieg ersparen."

Der Ex-Politiker, der heute in Firmen investiert, ist fest davon überzeugt, dass die allierten Streitkräfte das gleiche Schicksal ereilt wie einst die Sowjets, die Afghanistan räumen mussten. Deutsche Soldaten sollten nur noch zwei oder drei Jahre in Afghanistan stationiert bleiben, so Todenhöfer, 2012 müsse Schluss sein. Und: Deutschland müsse bei der Suche nach einer friedlichen Afghanistan-Strategie eine Vorreiterrolle einnehmen. Der Westen solle Entwicklungshilfe im versprochenen Ausmaße dem armen Land zukommen lassen.

In dem Gespräch mit Todenhöfer erklärte Mullah Nasrat - Sprecher der Aufständigen in den Ostprovinzen Nangarhar, Laghman und Kunar -, dass die Taliban in drei unterschiedliche Gruppen zu unterscheiden seien. Die erste Gruppe bestünde aus richtigen, afghanischen Taliban, denen Nasrat angehöre. Ihr Ziel sei es, für die Freiheit von Afghanistan zu kämpfen - ohne Zivilisten und viele Soldaten zu gefährden. Nur US-Streitkräfte würden sie angreifen.

Diese Gruppe habe mit der Zeit einen Modernisierungsprozess erlebt, so Mullah Nasrat. Sie würden die schulische Ausbildung für Mädchen befürworten, allerdings in getrennten Schulen. Nasrat betonte, so Todenhöfer, dass die Taliban nach einem Abzug der US-Streitkräfte an Wahlen oder an einer Loya Jirga, der traditionellen afghanischen Stammesversammlung, teilnehmen würden. Sie würden deren Ergebnisse respektieren und seien zum Dialog und zur Kooperation bereit.

Bezahlen Amerikaner Taliban für Anschlagsverübung?

Die zweite Gruppe der Taliban bestünde aus nicht afghanischen Kämpfern, die vorwiegend aus dem pakistanischen Wasiristan kämen. Diese würden auch Zivilisten töten und hätten - soweit sich ihre Aktionen gegen US-Streitkräfte richteten - die Duldung und Unterstützung des pakistanischen Geheimdienstes ISI.

In der dritten Gruppe schließlich seien die "von USA finanzierten amerikanischen Taliban", so der Mullah, der mit dem Deutschen Todenhöfer sprach, weil der sich schon früher für Afghanistan eingesetzt habe. Sie würden die Taliban ausspähen und Anschläge gegen die Bevölkerung verüben. Ihre Absicht: "Den Amerikanern den Vorwand zu liefern, um in Afghanistan zu bleiben". Beweise dafür gibt es nicht.

Jürgen Todenhöfer, 1940 in Offenburg geboren, war von 1972 bis 1990 CDU-Abgeorndeter im Bundestag. Bis zum Herbst 2008 war er Majordomus im München-Offenburger Burda-Verlag. Den Nahen und Mittleren Osten hat er seit langem regelmäßig bereist. Über Afghanistan und Irak hat er mehrere Bücher geschrieben.

Sein Schlusssatz in der Tora-Bora-Reportage lautet: "Deutschlands Aufgabe am Hindukusch ist es nicht, kraftvolle Kriegsmacht zu sein, sondern kraftvolle Friedensmacht."

© sueddeutsche.de/maz
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