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Afghanistan:Entscheidende Gespräche zwischen Taliban und USA

Afghan boys look the site of Sunday's attack in Kabul, Afghanistan

Kindheit zwischen Trümmern: zwei Jungen vor einem ausgebrannten Auto in einer Seitenstraße von Kabul.

(Foto: Mohammad Ismail/Reuters)
  • Die Friedensgespräche zwischen den USA und den afghanischen Taliban sind möglicherweise in die letzte Runde gegangen.
  • US-Präsident Trump will die Truppen nach Hause holen und damit im Wahlkampf punkten.
  • Doch die Situation in Afghanistan ist kompliziert, bald stehen Präsidentschaftswahlen in dem Land an.

Nach 18 Kriegsjahren kennt wohl kaum ein anderer Amerikaner Afghanistan besser als Zalmay Khalilzad, der Chefunterhändler aus Washington. Deswegen lohnt es, jede Zeile zu lesen, die Khalizad in diesen Tagen etwa auf Twitter schreibt - mal aus Kabul, mal aus Islamabad, nun aus Doha. Aus seinen Worten wird klar: Nun wird es ernst, nun geht es um das letzte Fitzelchen Macht, das die USA ausspielen müssen, um in nicht allzu ferner Zukunft Afghanistan verlassen zu können.

Die Friedensgespräche sind in die möglicherweise letzte Runde gegangen - Friedensgespräche, wie Khalilzad betont, nicht Abzugsgespräche. Ein wichtiger Unterschied: Es geht um die Ordnung danach und das Friedensversprechen, mit dem die USA nach so langer Zeit das Land verlassen wollen. Und weil Khalilzad das Land kennt, weiß er auch, dass es doch nicht die letzte Runde sein kann. Unter Druck gibt es wenig zu gewinnen in Afghanistan.

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Washington aber steht unter Druck. Präsident Donald Trump will eines seiner großen Wahlversprechen rechtzeitig vor dem Wahlkampf im Herbst einlösen: Holt die Jungs heim, raus aus diesem Land. Deswegen wird verhandelt, seit sechs Runden bereits. Die siebte Verhandlungsrunde läuft gerade in ihrer dritten Phase - schon allein in dieser Ordnung könnte man einen Fortschritt sehen.

Im August soll ein neuer Präsident gewählt werden. Das erleichtert die Verhandlungen nicht

Gesprochen wird in Kabul und Doha, am Tisch sitzen nicht nur die USA und die Taliban als ihre Hauptgegner. Indirekt dabei sind auch die vielen afghanischen Interessengruppen, Parteien und die anderen Truppensteller wie Deutschland. Mit hinein spielen zudem Interessen von Terrororganisationen wie dem Islamischen Staat oder machtvolle Nachbarn wie etwa Pakistan. Es gab schon leichtere Konstellationen in der Geschichte der Diplomatie. Vier große Kapitel soll das Abkommen umfassen, 90 Prozent seien ausgehandelt, sagt Khalilzad. Aber ein Beobachter am Verhandlungstisch sagt: Abwarten, wer ein Haus verkauft, der wisse auch, dass der Vertrag am Ende am Preis scheitern könne.

Der Preis ist simpel, es geht um Vertrauen. Lässt sich ein Friedensvertrag und eine Abzugsvereinbarung aushandeln, die Bestand haben wird und Afghanistan Ruhe und Sicherheit garantiert? Wer die afghanische Geschichte kennt, der hat Zweifel.

Erschwert werden die Verhandlungen dadurch, dass auf keiner Seite des Tisches letztgültige Versprechungen abgegeben werden können. Die afghanische Politik wird von einem Team aus 15 Repräsentanten vertreten - rivalisierende Lager um starke Vertreter ethnischer Gruppen, Parteien, neue gesellschaftliche Repräsentanten. Allein ihre Auswahl kam einer Quadratur des Kreises gleich. Die Sache wurde zusätzlich belastet, weil am 28. August Präsidentschaftswahlen stattfinden sollen und Amtsinhaber Aschraf Ghani bereits seit 22. Mai in einem Verfassungsvakuum regiert. Nationale Geschlossenheit der moderaten Fraktionen in den Gesprächen mit dem Hauptgegner, den Taliban, ist so nicht zu erwarten. Den afghanischen Parteien geht es zunächst um ihren Anteil am Kuchen - und der wird bei der Wahl verteilt.

Die Taliban selbst geben sich gesprächsbereit, allerdings ist ihre Geschlossenheit ebenfalls nie garantiert, und die Absage an Gewalt gegen Zivilisten - eine der Bedingungen für Friedensgespräche - hat noch nicht jeden Ortskommandeur erreicht. Bei den USA und ihren Verbündeten wird die Verhandlungssituation ebenfalls unterschiedlich bewertet: Der Druck aus Washington versetzt Khalilzad automatisch in eine Position der Schwäche, nicht wenige sehen eine Falle der Taliban und befürchten einen Kollaps der Ordnung, sollte ein kritischer Punkt überschritten sein.

Der Truppenabzug entscheidet über die Macht. Darauf könnten die Taliban spekulieren

Nach den Vorstellungen der USA könnten die vier Kapitel bis zur Präsidentschaftswahl ausverhandelt sein. Danach würde es, wie in Kapitel drei ausbuchstabiert, zu innerafghanischen Gesprächen über die Verteilung der Macht kommen, die - so Kapitel vier - nur unter den Bedingungen eines Waffenstillstandes stattfinden. Diese innerafghanischen Gespräche könnten nach Vorstellung der USA bereits im August in Norwegen beginnen, möglicherweise unter deutscher Vermittlung.

Die Themen für diese Friedensgespräche sind ebenfalls im Vertragsentwurf aufgelistet: Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Institutionen, Verfassungsordnung - die abziehenden Nationen wollen sichergehen, dass die Errungenschaften der vergangenen Jahre nicht verloren gehen. Die Sorge: Die Taliban kennen die Lebenswirklichkeit in den großen Städten nicht wirklich, die junge Generation etwa in Kabul wird sich ihren Regeln nicht fügen.

Bis es so weit kommen kann, verlangen die USA zwei Garantien: Eine Absage der Taliban an terroristische Ambitionen - 9/11 soll sich nicht wiederholen können; und eine klare Distanzierung von anderen Terrorgruppen wie dem IS oder al-Qaida. Damit scheinen die Taliban keine großen Probleme zu haben, auch wenn die Grenzen zwischen den Gruppierungen häufig fließend sind. Wichtig ist ihnen nur, nicht als Verbündete der USA gegen islamistische Organisationen zu erscheinen.

Schwierig und kompliziert sind die Verhandlungen um den Abzug der internationalen Truppen, der in Kapitel zwei geregelt wird. Die Washington Post berichtete, dass die USA eine Reduzierung ihres Kontingents von 14 000 auf bis zu 9000 Soldaten angeboten habe. Hier liegt die Gefahr im Detail: Von der Präsenz der USA leben auch die anderen 38 Truppensteller. Luftunterstützung, Transport, medizinische Versorgung - ohne die USA läuft nichts. Die Verhandlungen sind so weit gediehen, dass die Ankernationen Deutschland und Italien jedenfalls sicher sein können, ihre Soldaten auch nach der ersten Abzugswelle in Afghanistan belassen zu können.

Von größter Bedeutung ist am Ende die Auswirkung des Abzugs auf die afghanischen Sicherheitskräfte. Hier kommt ein altes afghanisches Leitmotiv ins Spiel: Schon immer sind nationale Streitkräfte kollabiert, wenn sie entweder nicht finanziert wurden, oder wenn sich die Machtverhältnisse verlagert haben und die kampfstärkeren Gegner ihren Vormarsch begannen. Afghanistans Geschichte ist vor allem auch eine Geschichte schnell wandernder Loyalitäten. Die lassen sich in Verträgen nicht festschreiben.

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