Kinder in Afghanistan:"Die Lage ist schlimm"

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Kinder in Afghanistan: Afghanische Kinder sammeln in Kabul Altmetall.

Afghanische Kinder sammeln in Kabul Altmetall.

(Foto: Daniel Leal/AFP)

Vor einem Jahr übernahmen die Taliban wieder die Macht in Afghanistan. Die Bevölkerung leidet, vor allem Kinder. Der Chef der Unicef-Mission in Kabul berichtet von Hunger und Hilflosigkeit, sieht aber auch Signale der Hoffnung.

Interview von Tobias Matern und Simon Widmer

SZ: Herr Ayoya, wegen des Ukrainekrieges spricht kaum noch jemand über Afghanistan. Wie ist die Lage ein Jahr nach der Machtübernahme der Taliban?

Mohamed Ag Ayoya: Die Situation ist schlimm. Fast das ganze Land befindet sich in einer humanitären Krise. Die Menschen haben eine Dürre durchlebt, wie es sie seit vielen Jahren nicht mehr gegeben hat. Mehr als eine Million Kinder müssen wegen schwerer Mangelernährung behandelt werden. Viele Familien haben kein Geld, um sich zwei oder drei Mahlzeiten täglich leisten zu können. Auf den Märkten bleiben Gemüse und andere Lebensmittel liegen, weil sie niemand bezahlen kann. Mehr als 90 Prozent der Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze.

Russland provoziert eine globale Nahrungskrise, indem es Getreideernten in der Ukraine verbrennt und Exporte blockiert. Wie stark betrifft das ein Land wie Afghanistan?

Die Preise für Nahrungsmittel steigen, vor allem für Weizen. Ein anderer Effekt des Krieges ist, dass die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit stark auf die Ukraine gelenkt ist. Deshalb schicken internationale Geldgeber weniger Geld nach Afghanistan.

Kinder in Afghanistan: Mohamed Ag Ayoya leitet die Unicef-Delegation in Afghanistan mit knapp 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Zuvor arbeitete er in Somalia, im Südsudan, in Simbabwe und in Guinea, wo er mithalf, den Ausbruch von Ebola zu bekämpfen. Ayoya wurde 1968 in Mali geboren, hat dort die School of Medicine abgeschlossen und später als Ernährungswissenschaftler an der Cornell University in den USA promoviert. Das Gespräch mit ihm fand per Video statt.

Mohamed Ag Ayoya leitet die Unicef-Delegation in Afghanistan mit knapp 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Zuvor arbeitete er in Somalia, im Südsudan, in Simbabwe und in Guinea, wo er mithalf, den Ausbruch von Ebola zu bekämpfen. Ayoya wurde 1968 in Mali geboren, hat dort die School of Medicine abgeschlossen und später als Ernährungswissenschaftler an der Cornell University in den USA promoviert. Das Gespräch mit ihm fand per Video statt.

(Foto: Unicef)

Wird sich die Situation im Winter noch verschlechtern?

Die vergangenen Winter waren sehr hart, weil abgelegene Regionen kaum noch erreichbar sind. In diesem Jahr kommt dazu, dass die Infrastruktur durch das Erdbeben im Juni teilweise komplett zerstört wurde. Viele Menschen im Osten haben ihre Lebensgrundlage verloren. Wir helfen ihnen, stellen Vorräte bereit. Aber im Winter wird sich ihre Situation verschlechtern, und darüber bin ich besorgt.

Welche Auswirkungen hatte dieses Erdbeben konkret?

Mehr als 1000 Menschen sind gestorben, über 1500 wurden verletzt. Das Beben hat Gebiete getroffen, die geografisch sehr schwer zu erreichen sind, was die Hilfeleistung erschwert. Als wir die betroffenen Regionen erstmals besucht haben, hat uns die Situation geschockt.

Was haben Sie gesehen?

Eine immense Verwüstung. Familien wurden dezimiert, Kinder wurden zu Waisen. Mehrere Häuser, ein Gesundheitszentrum und eine Schule wurden komplett zerstört. Existenzgrundlagen wurden ausgelöscht. Wir machen, was wir können, organisieren Schulunterricht, versorgen die Menschen mit Wasser und sanitären Einrichtungen. Aber wir können diese Regionen nur langfristig wieder aufbauen. Und das Geld, das wir zur Verfügung haben, reicht bei Weitem nicht aus.

Es gibt Medienberichte über verzweifelte Familien, die ihre Kinder verkaufen, um zu überleben. Ist dieses Phänomen weit verbreitet?

Ich habe auch von solchen Fällen gehört. Es gibt aber keine starke Evidenz dafür, dass Kinderhandel häufig vorkommt. Sicher ist aber, dass viele Familien Mühe haben, ihre Kinder zu ernähren. Bei den Mädchen kommt dazu, dass sie seit März ab der 7. Klasse die Schule nicht mehr besuchen dürfen. Mehr als eine Million Mädchen sind von diesem Verbot betroffen.

Was bedeutet das für die betroffenen Mädchen?

Sie stehen unter großem psychischen Druck, machen sich Sorgen um ihre Zukunft. Sie wollen unbedingt in die Schule zurückkehren und verstehen nicht, weshalb die De-facto-Regierung der Taliban dieses Verbot ausgesprochen hat. Auch die Primarschülerinnen, die noch zur Schule gehen können, leiden. Denn natürlich fragen sie sich, was sie tun sollen, wenn sie die Schule abbrechen müssen. Und auch für die betroffenen Eltern ist die Situation schlimm. Viele verlassen Afghanistan, um ihren Töchtern eine Ausbildung zu ermöglichen.

Gibt es eine Chance, das Schulverbot für Mädchen zu kippen?

Wir setzen uns mit aller Kraft dafür ein. Jüngst hat eine Unicef-Delegation mit den zuständigen Behörden diskutiert. Wir erhalten positive Signale.

Was sagen Ihnen denn die afghanischen Behörden?

Dass die Wiedereröffnung der Sekundarschulen für Mädchen nur eine Frage der Zeit ist. Allerdings müssten einige Bedingungen noch erfüllt werden. Wenn wir nachfragen, was genau diese Bedingungen sind, erhalten wir keine konkrete Antwort.

Ist es auch möglich, mit den Taliban-Führern über Mädchenbildung zu sprechen?

Ja, sie sind sehr offen dafür, diese Themen mit uns zu besprechen. Wenn wir mit ihnen Gespräche führen, sagen sie uns, die Schulen würden bald wieder für Mädchen öffnen.

Seit März stellen die Taliban in Aussicht, die Schulen wieder zu öffnen. Warum dauert das so lange?

Es gibt Spekulationen, dass sich einflussreiche Taliban um den Obersten Führer Hibatullah Achundsada gegen die Öffnung der Schulen für Mädchen ausgesprochen haben. Jetzt aber erhalten wir Informationen, dass einige dieser Berater umschwenken und bereit sind, Mädchen am Sekundarunterricht teilhaben zu lassen. Es gibt aber immer noch einflussreiche Leute, die wir überzeugen müssen. Daran arbeiten wir.

Die USA haben kürzlich Al-Qaida-Führer Aiman al-Sawahiri mit einem Drohnenangriff getötet. Westliche Regierungen sind wütend, weil sich dieser Terrorist in Kabul verstecken konnte. Glauben Sie, dass dies die Beziehungen zwischen dem Westen und Afghanistan erschweren wird?

Wir beobachten natürlich, wie sich die Situation entwickelt, ob sich dieser Angriff auch auf unsere Arbeit auswirkt, auf die Sicherheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es fällt mir aber schwer, über mögliche Konsequenzen zu spekulieren.

Früher berichteten humanitäre Organisationen davon, sie hätten Mühe, in gewissen Regionen in Afghanistan zu arbeiten. Können Sie sich jetzt im Land frei bewegen?

Wir können im ganzen Land reisen und den Menschen helfen. Auch der "Islamische Staat", der weiter in Afghanistan seinen Ableger hat, behindert unsere Arbeit nicht mehr. Wenn es in den letzten Monaten einen Fortschritt unter den Taliban gegeben hat, dann ist es dieser: dass sie uns unsere Arbeit ermöglichen.

Die USA haben nach der Taliban-Machtübernahme als Strafmaßnahme sieben Milliarden Dollar der afghanischen Zentralbank eingefroren. Gibt es einen Mechanismus, mit dem die Menschen von diesem Geld profitieren können?

Ja, es scheint Fortschritte in den Verhandlungen zu geben. Wir hoffen sehr, dass diese Gelder für humanitäre Zwecke eingesetzt werden können.

Wird die desaströse humanitäre Lage teilweise auch durch die Sanktionen verursacht?

Das Leiden und die miserable Situation heute können nicht ausschließlich auf die Sanktionen zurückgeführt werden. Gäbe es keine Sanktionen, könnte man die Bedürfnisse der Bevölkerung aber besser abdecken, und die Situation wäre etwas besser.

Gibt es so etwas wie einen Hoffnungsschimmer, der Sie angesichts der Lage in Afghanistan optimistisch stimmt?

Ja, die Kinder Afghanistans. Wenn wir die Schulen besuchen, sehen wir Jungen und Mädchen, die Pilot oder Ärztin werden möchten. Und wir sehen Eltern, die alles dafür geben, dass ihre Kinder eine bessere Zukunft haben. Das erfüllt mich mit Hoffnung.

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