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Afghanistan:Was über den Skandal um angebliche russische Kopfgelder bekannt ist

US-Soldaten in Afghanistan.

(Foto: AP)

Russland soll den Taliban in Afghanistan Geld für die Tötung von US-Soldaten versprochen haben. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Nach Recherchen der New York Times soll der russische Militärgeheimdienst Kämpfern der radikalislamischen Taliban in Afghanistan Geld versprochen haben, um dort stationierten US- und Nato-Soldaten anzugreifen und zu töten. Angeblich hatte der amerikanische Geheimdienst Präsident Donald Trump bereits Ende März darüber informiert. In einem Briefing mit dem Sicherheitsrat des Weißen Hauses habe man beschlossen, Russland zu verwarnen und mit weiteren Sanktionen zu drohen, heißt es von offizieller Seite. Bis dato hat das Weiße Haus aber keinen der geplanten Schritte eingeleitet.

Die New York Times stützt sich dabei auf die Aussagen von amerikanischen Geheimdienstmitarbeitern. Auch die Washington Post verwies auf die CIA, die die Informationen über das russische Kopfgeld bestätigt hätten. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie begründen sich die Vorwürfe?

Vergangenes Jahr starben 20 US-Soldaten in Afghanistan, die Hintergründe konnten nicht vollständig aufgeklärt werden. Der amerikanische Geheimdienst soll derzeit zudem den Anschlag auf einen US-Konvoi, bei dem drei Soldaten verletzt wurden und drei starben, untersuchen. Die Taliban hatten bekannt, das Attentat verübt zu haben. Bereits Anfang 2020 gab es den ersten Verdacht, die Terror-Miliz sei für ihre Aktionen bezahlt worden. Eine US-Spezialeinheit fand bei der Durchsuchung eines Taliban-Posten etwa 500 000 US-Dollar. Präsident Donald Trump stritt aber auf Twitter alle Vorwürfe ab, bereits damals zu der Thematik gebrieft worden zu sein und nichts unternommen zu haben.

Wer soll für die Aktion verantwortlich sein?

Hinter der Operation wird die russische Geheimdiensteinheit 29155 vermutet. Sie ist Teil des GRU (Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije), des russischen Militär-Nachrichtendienstes, der auch mit Attentatsversuchen, Morden und anderen verdeckten Operationen in Europa und den USA in Verbindung gebracht wird - darunter die Ermordung von Sergei Skripal und die Einmischung in die US-Präsidentschaftswahlen 2016. Ziel der Einheit sei es, so die New York Times, den Westen zu destabilisieren. Die Zweigstelle ist nach offiziellen Angaben bereits seit mehreren Jahren in Afghanistan aktiv.

Wie reagiert die US-Regierung?

Wichtige Stimmen fordern eine Aufklärung des Sachverhalts, darunter auch die Vorsitzende des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi. Außenminister Mike Pompeo sprach sich für ein hartes Vorgehen gegen Russland aus. Trump hatte sich in den vergangenen Jahren immer wieder milde gegenüber der russischen Regierung gezeigt. Davon zeugte zuletzt sein Eintreten dafür, Russland wieder zum Teil der G 7 zu machen. Dafür erntete er jetzt unter anderem von der demokratischen US-Senatorin Tammy Duckworth Kritik, die ihm vorwarf, russische Interessen über das Leben amerikanischer Soldaten zu stellen.

Wie äußert sich Russland zu den Vorwürfen?

Russland weist die Vorwürfe mit aller Deutlichkeit von sich. Der Pressesekretär von Russlands Machthaber Wladimir Putin teilte mit, dass der Kreml von den Vorwürfen nicht in Kenntnis gesetzt worden sie. "Wenn jemand sie macht, werden wir antworten", hieß es.

Das russische Außenministerium erklärte, dass die Geschichte "die geringen intellektuellen Fähigkeiten der Propagandisten des amerikanischen Geheimdienstes illustriert, die, anstatt etwas Zuverlässigeres zu erfinden, mit solchem Unsinn aufwarten müssen... Aber was kann man vom Geheimdienst noch erwarten, der in dem zwanzigjährigen Krieg in Afghanistan kläglich gescheitert ist".

Welche Stellung beziehen die Taliban?

Die Taliban dementierten die Vorwürfe ebenfalls. Ihr Sprecher, Zabihullah Mujahid, betonte, dass solche Vorwürfen haltlos seien: "Unsere gezielten Tötungen und Attentate haben in den Jahren zuvor stattgefunden, und wir haben es aus eigener Kraft getan", sagte er. "Das änderte sich nach unserem Abkommen mit den Amerikanern, ihr Leben ist sicher und wir greifen sie nicht an."

Im Kampf gegen den IS verfolgen die russische Regierung und die Taliban-Miliz allerdings gemeinsame Interessen. Über die vergangenen Jahre hatte es einen engen Informationsaustausch über die Tätigkeiten des IS gegeben, der mit seinem wachsenden Einfluss in Afghanistan eine Gefahr für Zentralasien zu werden drohte.

Was hätten Russland und die Taliban davon, US-Soldaten zu töten?

Dazu gibt es verschiedene Theorien. Ein mögliches Motiv wäre Rache: Russland steht im Syrien-Krieg auf der Seite von Machthaber Baschar al-Assad. Manche vermuten, dass man die Tötung russischer Söldner durch Nato-Truppen und US-Soldaten in Syrien im Jahr 2018 rächen will. Dieser US-Einsatz ist bis heute nicht aufgeklärt. Andere vermuten, dass Russland ein Interesse daran haben könnte, aktuelle Friedensgespräche scheitern zu lassen. Die USA blieben somit länger als geplant in den Afghanistan-Konflikt verwickelt. Das widerspräche Trumps Vorhaben, die US-Streitkräfte aus dem Land abzuziehen.

Wie eindeutig ist die Beweislage?

Die Fernsehsender CNN und Sky News berichteten, dass auch Mitarbeiter europäischer Geheimdienste die Information bestätigt hätten. Die nachrichtendienstliche Beurteilung soll sich in Teilen auf Verhöre von gefangenen afghanischen Militanten und Kriminellen stützen. Es ist ihnen zufolge nicht bekannt, wie die Verhandlungen zwischen Russland und den Taliban verliefen, noch wie hoch das Kopfgeld angesetzt war.

Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, wäre das eine entscheidende Eskalation im hybriden Krieg zwischen Russland und den USA. Undurchsichtige Militäraktionen, Cyber-Attacken und Fake News haben in den vergangenen Jahren immer wieder zur politischen Destabilisierung beigetragen.

© SZ.de/lalse/mcs

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