Afghanistan:Taliban-Regierung streitet um die Macht

FILE PHOTO: Taliban's negotiator Mullah Abdul Ghani Baradar attends the Afghan peace conference in Moscow

Es gibt Gerüchte, Abdul Ghani Baradar (Mitte), stellvertretender Ministerpräsident Afghanistans, sei verschwunden. Das Bild zeigt ihn im März 2021 in Moskau.

(Foto: Pool/Reuters)

Wer hat in der neuen Führung wie viel zu sagen - und wer hat den Sieg im Land errungen? Dieser Konflikt innerhalb der radikal-islamistischen Gruppe ist nicht neu, nun aber offenbar handgreiflich geworden.

In der Taliban-Führung ist offenbar ein handfester Streit entbrannt. Dabei sollen der stellvertretende Regierungschef und Taliban-Mitbegründer Abdul Ghani Baradar und ein Mitglied seines Kabinetts in der vergangenen Woche aneinandergeraten sein, wie der britische Sender BBC meldete. Dabei soll es um die Verteilung der Macht gegangen sein wie auch um die Frage, wer die Lorbeeren für den Sieg der Gruppe in Afghanistan verdiene. Bereits zuvor war von Spannungen zwischen den verschiedenen Taliban-Fraktionen berichtet worden.

Fragen über Baradars Aufenthaltsort und Gesundheitszustand wurden bereits am Sonntag laut, als der Chefdiplomat der Taliban an einem Gespräch mit dem Außenminister von Katar, Mohammad bin Abdulrahman Al-Thani, nicht teilnahm. Baradar hatte die Taliban-Delegation bei den Verhandlungen mit den USA im katarischen Doha geleitet und gilt als prominentester Kopf der Gruppe. Am Montag dementierte die Taliban-Führung, dass Baradar getötet worden sei und veröffentlichte einen Audio-Clip mit einem angeblichen Statement Baradars, der versicherte, er befinde sich "auf Reisen". Ein Taliban-Sprecher sagte, Baradar halte sich in der südafghanischen Stadt Kandahar auf.

Gerüchte über einen blutigen Streit innerhalb der Taliban waren bereits unmittelbar nach der Machtübernahme Mitte August aufgekommen. Auf der einen Seite steht die sogenannte Doha-Fraktion der Taliban um Baradar, auf der anderen Seite die Mitglieder des Hakkani-Netzwerks, die in der Regierung unter anderem den Innenminister und den Minister für Flüchtlinge stellen. Baradar steht dabei für einen vergleichsweise diplomatischen Kurs mit dem Westen. Die Gruppe um Innenminister Siradschuddin Hakkani hingegen wird von den USA als Terrorgruppe eingestuft.

Der 53-jährige Baradar ist im Moment nicht das einzige Mitglied der Taliban-Führung mit unklarem Aufenthaltsort. Auch der oberste religiöse Führer der Taliban, Mullah Hibatullah Achundsada, ist seit 2019 nicht mehr gesichtet worden. Gerüchten zufolge soll Hibatullah bei einem Anschlag in Pakistan ums Leben gekommen sein. Die Taliban hatten auch jahrelang den Tod von Taliban-Gründer Mullah Omar bestritten, dessen Ableben erst im Juli 2015 bestätigt wurde. Zuvor hatten die Taliban noch Statements in dessen Namen veröffentlicht.

© SZ/epd/kast/rroi
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