Afghanistan:Taliban werfen USA Vertragsbruch vor

Taliban geben Übergangsregierung in Afghanistan bekannt

Sabiullah Mudschahid, Sprecher der Taliban, beklagt politische Unkorrektheit der USA.

(Foto: Muhammad Farooq/dpa)

Sie verlangen, dass Sanktionen gegen Mitglieder ihrer Übergangsregierung unverzüglich aufgehoben werden.

Die radikal-islamischen Taliban werfen den USA vor, das Friedensabkommen von Doha zu verletzen, weil Mitglieder ihrer Übergangsregierung in Kabul weiter unter Sanktionen der Vereinigten Staaten stehen. Der amtierende Innenminister Siradschuddin Hakkani befindet sich wegen Terrorvorwürfen sogar auf der Fahndungsliste des FBI. Die Namen des größten Teils der 33 Kabinettsmitglieder finden sich auf Sanktionslisten der USA oder UN, darunter Regierungschef Mullah Mohammad Hassan und seine beiden Stellvertreter.

Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid sagte, diese politische Unkorrektheit müsse auf diplomatischem Wege sofort und ausnahmslos beseitigt werden. Alle Mitglieder der Übergangsregierung gehörten zum "Islamischen Emirat" und hätten an den Verhandlungen in Doha mitgewirkt; bei diesen war im vergangenen Jahre der Abzug der US- und anderer Nato-Streitkräfte vereinbart worden.

Unterdessen haben die Taliban-Behörden der Washington Post zufolge 211 afghanischen Doppel-Staatsbürgern die Ausreise aus Afghanistan gestattet. Die Zeitung berichtete unter Berufung auf Diplomaten in Kabul, darunter seien Staatsbürger Deutschlands, der USA, Kanadas, Großbritanniens, Italiens, der Niederlande und der Ukraine. Der Flug der Gesellschaft Qatar Airways verließ Kabul am Donnerstagabend, auch 15 Deutsche waren laut Auswärtigem Amt an Bord, vor allem Frauen und Kinder. Der Außenminister Katars, Scheich Mohammed bin Abdulrahman Al-Thani, dankte den Taliban für die Hilfe bei der Wiedereröffnung des Flughafens für den zivilen Luftverkehr. Der Flughafen sei in den vergangenen Tagen wieder einsatzfähig gemacht worden.

Aus dem Außenministerium in Washington hieß es, die Bemühungen, US-Staatsbürgern und verbündeten Afghanen zu helfen, dauerten an. Der US-Sondergesandte für Afghanistan Zalmay Khalilzad habe die Taliban gedrängt, die Menschen ausreisen zu lassen, sagte ein Insider, der seinen Namen nicht genannt haben wollte, der Agentur Reuters.

Gut drei Wochen nach seiner Flucht hat sich Afghanistans Ex-Präsident Aschraf Ghani bei den Afghanen entschuldigt: "Es war nie meine Absicht, das Volk im Stich zu lassen", teilte er auf Twitter mit. Er habe mit der Flucht heftige Kämpfe in Kabul wie im Bürgerkrieg der 1990er-Jahren verhindern wollen. Ghani wies erneut Vorwürfe zurück, er habe bei der Flucht "Millionen Dollar, die dem afghanischen Volk gehören", mitgenommen: "Diese Beschuldigungen sind vollständig und kategorisch falsch." Er stelle sich dazu jeder unabhängigen Untersuchung. Der afghanische Botschafter in Tadschikistan etwa hatte Ghani des Diebstahls von 169 Millionen Dollar (144 Millionen Euro) an staatlichen Mitteln beschuldigt.

Ghani war am 15. August überstürzt aus Kabul ins Ausland geflüchtet, nachdem Kämpfer der Taliban nach massiven militärischen Gebietsgewinnen und der Eroberung aller Provinzhauptstädte Kabul umstellt hatten. Vertreter der Taliban sagten, es sei nicht ihre Absicht gewesen, die Stadt anzugreifen. Als Ghani und seine wichtigsten Mitstreiter geflohen waren, rückten die Islamisten in Kabul ein. Viele Afghanen werfen Ghani vor, sie den Taliban ausgeliefert zu haben. Ghani schrieb, er bedaure, dass sein eigenes Kapitel in "ähnlicher Tragödie" endete wie das seiner Vorgänger - "ohne Stabilität und Wohlstand zu gewährleisten". Er entschuldige sich beim Volk, er habe es nicht anders beenden können. Ghani hatte zuvor mitgeteilt, er sei in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

© SZ/dpa/Reuters/Bloomberg/bac
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