Kampf gegen die Taliban:Warum die afghanische Armee so hilflos ist

Der drohende Kollaps der Regierungstruppen im Kampf gegen die Taliban überrascht die westlichen Helfer. Wie konnte das passieren - nach jahrelanger Aufbauarbeit durch internationale Truppen?

Von Joachim Käppner und Mike Szymanski, Berlin

Das Tempo, mit dem die Taliban in Afghanistan nach Abzug der internationalen Truppen eine Provinzhauptstadt nach der anderen einnehmen, überrascht auch Militärexperten. "Wir sind sprachlos", sagte kürzlich ein deutscher General, der den Einsatz der internationalen Truppen über fast alle Etappen eng begleitet hat. Am Sonntag fiel Kundus in die Hände der Islamisten. Und die Offensive der Taliban dauert an.

Wie konnte es passieren, dass die afghanischen Sicherheitskräfte nach Jahren der Aufbauarbeit durch internationale Truppen nun innerhalb von wenigen Wochen kollabieren? Es war auch Deutschlands Aufgabe, die afghanische Polizei und Armee, die fortan selbst für die Sicherheit im Land verantwortlich sein sollten, in die Lage zu versetzen, dieser Verantwortung auch gerecht zu werden. Ranghohe Offiziere, die anonym bleiben wollen, entwerfen ein düsteres Bild. Zusammen mit den internationalen Partnern habe Afghanistans Armee mit ihren immerhin 180 000 Soldaten noch gut funktioniert. Die Hilfe aus dem Ausland habe wie "Korsettstangen" gewirkt. Ohne sie aber bricht die Hülle zusammen.

So verfügte die afghanische Luftwaffe Ende 2020 über 163 Flugzeuge und Helikopter, darunter Transportflieger und Maschinen für den Kampfeinsatz. Die SZ besuchte 2017 einen mit Stacheldraht und Betonhindernissen schwer geschützten Stützpunkt bei Masar-i-Sharif. Große, einfache Hallen, Jeeps und sorgfältig geparkte einmotorige Propeller-Flugzeuge, Embraer A-29 Super-Tucano. Die Maschinen sahen aus wie aus einer Oldtimer-Show, aber das täuschte. Die mit Maschinenkanonen, Raketen und Wärmebildgeräten ausgerüsteten A-29 gelten als eine der wirksamsten Waffen im Kampf gegen die Taliban. Die kleine Luftwaffe wurde zum Stolz der militärischen Aufbauhelfer aus dem Ausland. Afghanistans Fernsehen feierte die Kampfpiloten, die außerhalb des Cockpits stets mit Blousons und Designer-Sonnenbrillen zu sehen waren, als neue Helden der Nation und des Islam. Die Männer selbst schworen sich gegenseitig, sich lieber zu erschießen, als den Islamisten in die Hände zu fallen.

Doch inzwischen können viele der Maschinen nicht mehr abheben. Die Reparatur, die Wartung - dafür sorgten Vertragspartner der Amerikaner, die nun ebenfalls das Land verlassen haben. Die Zahl der einsatzfähigen Kampfflugzeuge habe sich dramatisch verschlechtert, heißt es aus Kreisen der ehemaligen Verbündeten. So fehlt den Truppen am Boden die dringend nötige Luftunterstützung. Die Taliban töten bei Anschlägen inzwischen gezielt Piloten der Luftwaffe. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete kürzlich von mindestens sieben Fällen.

Der Zusammenbruch der afghanischen Armee begann im Februar 2020 - mit Donald Trump

Der Zusammenbruch der afghanischen Streitkräfte hat aber viel früher begonnen: im Februar 2020. Bis dahin hatten sie sich halbwegs behauptet, wenn auch unter hohen Verlusten. Dann leitete US-Präsident Donald Trump mit dem Abkommen von Doha zwischen den USA und den Taliban den Abzug internationaler Truppen ein. Während aber die USA und die Taliban eine Art gegenseitigen Waffenstillstand vereinbarten, blieben die afghanischen Sicherheitskräfte im Visier der Islamisten. Die Zahl der Angriffe nahm sogar noch zu, weil die Taliban sich durch Geländegewinne eine stärkere Position für die Verhandlungen sichern wollten.

Die afghanische Armee, die bis dahin auf Unterstützung durch die Amerikaner angewiesen war, stand damit allein auf dem Feld und wurde regelrecht zerschlissen. Die Taliban hätten die Zeit genutzt, "sich in aller Ruhe im Land auszubreiten und sich neu in Stellung zu bringen", sagt ein deutscher Offizier. Wegen mangelnder Erfolge im Kampf gegen die Taliban wurden auf Schlüsselpositionen erfahrene militärische Führer abgelöst, was die Armee aber nur weiter schwächte.

Es rächt sich nun auch, dass die Ausbildungs- und Beratungsmission Resolute Support, die 2014 dem Kampfeinsatz folgte, viel zu oberflächlich blieb. Noch vor der Corona-Pandemie lag zum Beispiel die Zahl der tatsächlichen deutschen Berater bei wenigen Dutzend und erreichte ausschließlich die Führungsstäbe der Armee - bis zur operativen Ebene kamen sie gar nicht. Und die macht- und statusbewussten afghanischen Kommandeure, sagte 2017 im Kampfgebiet bei Kundus ein frustrierter Berater der Bundeswehr, "die hören, was ich sage, und dann halten sie sich daran oder eben nicht".

Zu den wenigen Assets, wie man im Militärsprech sagt, des afghanischen Militärs gehören die hochmotivierten Special Forces, zusammengesetzt aus Todfeinden der Taliban. Sie werden fast immer gerufen, wenn die Gotteskrieger Geiseln nehmen, ein Hotel stürmen oder Terrortrupps in die Städte schicken. Meist sind es die Spezialeinheiten, welche die Sache schließlich beenden. Sie werden nun für die Zukunft in der Türkei weitertrainiert, nur ist die Frage, ob es eine solche Zukunft für sie noch gibt. Mit ein paar Tausend Elitesoldaten ist dieser das ganze Land umfassende Krieg nicht zu gewinnen.

© SZ/pamu
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