Abzug aus Afghanistan:US-Militär warnt vor Angriffen

Lange Schlangen: Vor einer Bank in Kabul warten Männer, um Geld abheben zu können.

Lange Schlangen: Vor einer Bank in Kabul warten Männer, um Geld abheben zu können.

(Foto: Oliver Weiken/dpa)

Al-Qaida-Angriffe auf die USA seien denkbar, heißt es bei einer Anhörung im Senat. Verteidigungsminister Lloyd Austin räumt Fehler ein. In Kabul kollabiert die Wirtschaft, der Bevölkerung droht eine Hungersnot.

Von Tobias Matern

Das US-Militär hat zahlreiche Fehleinschätzungen beim Abzug aus Afghanistan offengelegt und vor einer Terrorgefahr gewarnt. "Es ist klar, es ist offensichtlich, dass der Krieg in Afghanistan nicht zu den Bedingungen geendet hat, die wir wollten", sagte Generalstabschef Mark Milley bei einer Anhörung im Senat am Dienstag. Dass Terrorgruppen wie der Islamische Staat (IS) oder al-Qaida von Afghanistan aus versuchen könnten, die USA anzugreifen, sei eine "sehr reale Möglichkeit". Er habe den damaligen Präsidenten Donald Trump und seinen Nachfolger Joe Biden vor den Gefahren eines schnellen Abzugs gewarnt.

Bereits im Herbst 2020 habe er gesagt, es könne zu einer "vollständigen Übernahme durch die Taliban" oder zu einem "allgemeinen Bürgerkrieg" kommen: "Das war vor einem Jahr, und meine Einschätzung ist bis heute gleich geblieben", sagte Milley. Den so raschen Zusammenbruch des afghanischen Militärs und der Regierung habe man aber "absolut" nicht kommen sehen. Milley und General Kenneth McKenzie, der zuständige US-Kommandeur für die Region, sagten außerdem, dass sie persönlich der Ansicht gewesen seien, es sei besser, etwa 2500 US-Soldaten in dem Land zu belassen. Die beiden wichen aber Nachfragen aus, was sie wann dem Präsidenten in der Frage geraten hätten.

Afghanistan steckt nun in einer schweren Wirtschaftskrise. Das afghanische Bankensystem stehe vor dem Zusammenbruch, sagte Syed Moosa Kaleem Al-Falahi, Chef der Islamischen Bank Afghanistans, eines der führenden Geldinstitute des Landes, der BBC. Seit der Machtübernahme der Taliban Mitte August versuchten viele Kunden ihr Geld komplett abzuheben, gleichzeitig aber fließen keine neuen Mittel in das Land. "Die meisten Banken sind nicht arbeitsfähig", sagte Al-Falahi in Dubai.

Auch der seit langem in Afghanistan engagierte Norwegische Flüchtlingsrat schlägt Alarm. Die Wirtschaft des Landes gerate "außer Kontrolle", sagte Generalsekretär Jan Egeland bei einem Besuch in Kabul. Er betonte, das Bankensystem stehe vor dem Kollaps, weil das Bargeld knapp werde. "Wenn die Wirtschaft zusammenbricht, wird selbst die fundamentalste Grundversorgung nicht mehr funktionieren, und die humanitären Bedürfnisse werden sogar noch stärker wachsen." Es müsse dringend ein Mittel gefunden werden, um die Liquiditätskrise zu überwinden, forderte Egeland. Es gehe nun darum, vor dem anstehenden, rauen Winter der darbenden Bevölkerung zu helfen. "Jeder dritte Afghane weiß bereits jetzt nicht, wie er die nächste Mahlzeit bekommen wird."

Ohne Hilfsgelder kommt das Land nicht zurecht

Nach Angaben der Weltbank wurden vor der Machtübernahme der Taliban bereits etwa 40 Prozent des afghanischen Bruttosozialprodukts aus internationalen Hilfsgeldern bestritten. Seit die Islamisten vergangenen Monat den Präsidentenpalast in Kabul einnahmen, haben aber westliche Geberstaaten ihre Unterstützung eingefroren. Zwar signalisiert die chinesische Regierung, den neuen Machthabern in Kabul unter die Arme zu greifen, aber das reicht nicht, um eine humanitäre Katastrophe abzuwenden. Peking hat Mittel in Höhe von 31 Millionen US-Dollar zugesagt - unter anderem für Nahrungsmittel.

Die Taliban, die bislang nicht durch eine gute Regierungsführung auffallen, sehen sich mit einer wachsenden Inflation konfrontiert - und einer drohenden Hungerkrise. Nach Angaben der Vereinten Nationen hat nur ein Bruchteil aller afghanischen Haushalte genug Lebensmittel zur Verfügung, um den Tagesbedarf zu decken.

Nach dem Ende des 20-jährigen westlichen Einsatzes macht der Wegfall der Kriegsindustrie und der internationalen Hilfsgelder dem Land schwer zu schaffen. Allein die USA hatten nach dem jüngsten Report ihres Sonderberichterstatters für den Wiederaufbau Afghanistans (Sigar) seit dem Jahr 2001 bis zum Ende ihrer Mission etwa 145 Milliarden US-Dollar Hilfsgelder bereitgestellt. Dazu kamen noch einmal 837 Milliarden US-Dollar für die militärische Operation der Amerikaner.

Ausgaben und Ertrag stehen in keinem Verhältnis

"Wenn man sich anschaut, wie viel wir ausgegeben und was wir dafür im Gegenzug bekommen haben, ist das irre", fasst es ein Beamter des US-Verteidigungsministeriums im Sigar-Bericht zusammen. Der Sigar, der dem Kongress während des US-Einsatzes regelmäßig Berichte vorgelegt hat, was mit dem amerikanischen Steuergeld am Hindukusch geschehen ist, macht eine interessante Rechnung auf: Demnach hätten die USA inflationsbereinigt in Afghanistan mehr Geld für den Wiederaufbau ausgegeben als sie für den Marshall Fund nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewendet haben.

Zwar haben die USA und ihre Verbündeten viel Geld in die afghanische Infrastruktur und den Bildungssektor gesteckt, allerdings ist einiges der Mittel im korrupten afghanischen Apparat versickert. US-Verteidigungsminister Lloyd Austin gestand bei der Anhörung im Senat ein, man habe das Ausmaß der Korruption und der schlechten Führung in der afghanischen Führung nicht erkannt. Auch habe man nicht gesehen, dass die Vereinbarung von Doha mit den Taliban die afghanischen Streitkräfte demoralisiert habe.

Das zentrale Problem des westlichen Einsatzes ist auch, dass Milliardensummen am Hindukusch investiert worden sind - die Industrie des Landes aber nicht auf eigenen Füßen steht.

Nach wie vor knüpft der Westen Bedingungen an die Wiederaufnahme der Hilfszahlungen. Zwar geben die Taliban sich im Vergleich zu ihrer Schreckensherrschaft in den Jahren 1996 bis 2001 moderater. Aber Mädchen ist nun nur der Schulbesuch bis zur 6. Klasse erlaubt, auch die Kabuler Universität schließt zunächst Studentinnen und Dozentinnen vom Lehrbetrieb aus.

© SZ/dpa/nien/vgr
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